28.07.2017

Alkoholismus als Familienkrankheit

Die deutsche Hauptstelle gegen Suchtgefahren schätzt etwa 10 % der Bevölkerung als stark alkoholgefährdet ein (das sind etwa 8 Millionen Menschen). Der Alkoholverbrauch pro Kopf der Bevölkerung stieg von 3 Liter reinen Alkohols von 1950 auf rund 12 Liter in 1990 und ist seitdem wieder leicht rückläufig. Im selben Zeitraum stieg die Zahl der behandlungsbedürftigen Alkoholkranken von etwa 200.000 Menschen auf heute über 2,5 Millionen. Die Zahl der stark alkoholgefährdeten bzw. alkoholkranken Kinder und Jugendlichen wird heute auf 0,5 Millionen geschätzt. Der durch die Alkoholkrankheit hervorgerufene volkswirtschaftliche Schaden in Deutschland ist immens. Nach amtlichen Schätzungen sind rund 5 % der Beschäftigten in Deutschland alkoholkrank.

Ist ein Familienmitglied alkoholabhängig, leidet die ganze Familie mit. Die Familie setzt alle Hebel in Bewegung, um den Alkoholkonsum des Abhängigen unter Kontrolle zu bringen. Man versucht dabei verschiedene Methoden. Man schüttet den Alkohol weg oder versteckt die alkoholischen Getränke, die Familienmitglieder suchen nach den heimlichen Alkoholvorräten in der Wohnung, sie trinken mit, sie bitten, sie versprechen, sie fordern, sie schimpfen, sie drohen, sie beschuldigen. Je mehr der Alkoholiker trinkt und der Alkoholismus fortschreitet, umso mehr versucht die Familie, den Alkoholismus des betroffenen Familienmitgliedes in den Griff zu bekommen. Das ganze Denken, Fühlen und Handeln der Familie dreht sich um den Alkoholkonsum des Betroffenen. Es werden immer neue Versuche unternommen, ihn von der Sucht wegzubekommen. Immer neue Hoffnungen durch den Alkoholkranken werden geweckt und die Familie erlebt immer wieder gleichzeitig neue Enttäuschungen. Das Thema Alkoholismus des Betroffenen wird zum Mittelpunkt der gesamten Familie, der „Alkoholismus“ sitzt mit am Familientisch. Die Gefühle der Familienmitglieder sind ähnlich denen des Abhängigen. Auch sie fühlen sich hilflos, schuldig und frustriert. Hinzu kommen im Laufe der Zeit eine gewaltige Portion an Ärger und Wut, denn alle Bemühungen, seine Abstinenz zu erreichen, führen zu keinem befriedigenden Ergebnis. Änderungen, die er permanent verspricht, die locken und die Hoffnung machen, sind meist nur von kurzer Dauer und alsbald beginnt das Spiel von neuem. Der Alkoholiker trinkt wieder! Alle Versprechungen sind vergessen. Das Leben der Familie dreht sich permanent um das Thema „Wird er wieder trinken? Was erwartet mich zuhause und er wieder betrunken ist? Wo hat er den Stoff versteckt?“ Eigene Interessen treten in den Hintergrund. Es geht nur noch um das Thema „der Alkoholiker soll aufhören zu trinken, damit es der Familie wieder besser geht“.

Auch die in der Familie lebenden Kinder sind betroffen, selbst wenn die Erwachsenen denken, dass die Kinder nichts mitbekommen. Dies ist leider nicht so. Viele Eltern versuchen, die Problematik vor dem Kind geheim zu halten, um es zu schützen. Kinder bekommen mehr mit von der Not der Familie als man denkt. Kinder können ihre Ängste und Nöte nicht so zum Ausdruck bringen, auf sprachlicher Ebene, wie die Erwachsenen das tun können. Sie leiden still. Kinder können sich keine neuen Eltern suchen, sie sind auf die Liebe und Versorgung der Eltern angewiesen, bis sie selbst stark genug und erwachsen sind, um für sich selbst zu sorgen. In einer solchen Situation sind Kinder oft auf sich allein gestellt. Der Alkoholkranke ist mit sich und seiner Sucht beschäftigt, der Partner so in der Coabhängigkeit verstrickt und darum bemüht, das Familienleben aufrecht zu erhalten, dass keine Zeit und keine Kraft mehr für die Kinder übrig bleibt. Viele Kinder versuchen dann, ihre Eltern (besonders den trinkenden Elternteil) in Schutz zu nehmen und übernehmen häufig Aufgaben im Haushalt und in der Familie, die ihnen altersmäßig nicht zustehen, um das Familiensystem zu entlasten. Häufig ist es auch so, dass sie sich nicht mehr trauen, Freunde mit nachhause zu bringen, um diesen Freunden keinen Einblick in die häuslichen Zustände zu geben. Dadurch isolieren sie sich zusätzlich, um die Familie und das System zu schützen. Sie übernehmen oft Rollen, die in normalen Familien von Erwachsenen ausgefüllt werden, um der Familie zu helfen. Sie sind „kleine Erwachsene“, eine eigene Kindheit findet nicht mehr statt.

Sollte es in Ihrer Familie einen Alkoholkranken geben oder sie die Gefährdung eines Familienmitgliedes bemerken, suchen sie sich rechtzeitig Hilfe, bevor die Krankheit das Familienleben dominiert.

Fachkundige Hilfe findet man bei den Suchtberatungsstellen der Diakonie und der Caritas. Sie können sich an die Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche wenden. Mittlerweile bieten auch zahlreiche Betriebe für ihre Mitarbeiter ein Konzept von Maßnahmen und Hilfsangeboten für suchtkranke Mitarbeiter an, vielfach bestehen auch Betriebsvereinbarungen über den Umgang mit Alkohol im Betrieb und den Umgang mit Alkoholkranken. Wenden Sie sich in diesem Fall an die dafür ausgebildeten Mitarbeiter der Betriebe. Ein weiteres Hilfsangebot stellen die Selbsthilfegruppen der Alkoholkranken dar. Man kann sich z. B. an die Anonymen Alkoholiker, das Blaues Kreuz, die Guttempler, den Kreuzbund und weitere Selbsthilfegruppen wenden.

Bleiben Sie nicht in der Abgeschottetheit der Familie, gehen Sie nach außen, suchen Sie sich aktiv Hilfe.

Margit Kirsch

Dipl.-Psychologin