16.06.2017

Das Wechselmodell

Ein (un-)mögliches Betreuungskonzept für Kinder nach einer Trennung?

Nachdem ein Vater Rechtsbeschwerde eingelegt hatte, entschied der Bundesgerichtshof, dass Familiengerichte zukünftig ein Wechselmodell anordnen dürfen.

Ein „paritätisches Wechselmodell“ liegt vor, wenn die Betreuungsleistung gleich (50:50) aufgeteilt ist. Aber auch, wenn die Betreuung bis zu 10 Prozent vom rechnerischen Mittelwert abweicht, liegt noch ein Wechselmodell vor. Von einem „Residenzmodell“ spricht man, wenn das Kind seinen Lebensmittelpunkt bei einem Elternteil hat und einen regelmäßigen Umgang mit dem anderen (ab 70:30).

Keines der Modelle stellt ein gesetzliches Leitbild dar. Auch die Frage, wie Eltern bei einem Residenzmodell den Umgang ihres Kindes mit dem anderen Elternteil organisieren, bleibt ihnen selbst überlassen. Eltern sind in ihren Entscheidungen einzig an das Wohl ihrer Kinder gebunden.

Die Mehrzahl der von Trennung und Scheidung betroffener Kinder lebt in Deutschland in einem Residenzmodell. Zunehmend entscheiden sich jedoch Eltern für ein paritätisches Wechselmodell. Die Initiative dabei geht oft von den Vätern aus. Es gibt Länder, da legt das Recht die paritätische Betreuung der Kinder als Regelbetreuungsmodell fest (z. B. Belgien seit 2006). In Staaten wie Schweden, Norwegen und Frankreich ist ein paritätisches Wechselmodell verbreitet.

Das Wechselmodell kann gleichsam das beste und das schlechteste Modell für ein Kind sein. Das Betreuungsmodell selbst steht in keinem Zusammenhang mit dem Wohlbefinden eines Kindes. Nicht die Quantität der Kontakte mit einem Elternteil bestimmt sein Wohlbefinden, sondern deren Qualität. Wenn Eltern ihre Konflikte gut miteinander regulieren, ist das Wechselmodell für die betroffenen Kinder ein gutes Modell. Wenn Eltern allerdings häufig streiten, kann das für ein Kind belastender sein, als ein Beziehungsabbruch zu einem Elternteil. Kinder im Säuglingsalter und ältere Kinder/Jugendliche sind eher durch ein Wechselmodell belastet. Pflichtbewusste Kinder, die in der Lage sind, ihre Aufgaben selbständig zu regeln, können von dem Modell profitieren. Das Wechselmodell setzt eine doppelte Ausstattung der Kinder voraus.

Wie kommen Eltern zu einer guten Entscheidung?

Eltern, die sich trennen, sollten sich nicht von vornherein auf ein Betreuungskonzept festlegen. Besser ist es, lösungsoffen miteinander das Gespräch aufzunehmen, ehrlich die Situation der Familie zu analysieren, auszuprobieren und zu sehen, was funktioniert. Jeder Plan kann sich entwickeln und darf verändert werden. Es ist gut, das Kind mit zunehmendem Alter mehr daran zu beteiligen.

Reinhard Baumann

Dipl.-Sozialpädagoge