21.07.2016

„Halt doch mal die Bälle flach!“

Wenn Eltern unterschiedliche Anforderungen an ihre Kinder stellen

„Du erlaubst ihr alles. Es ist auch kein Wunder, dass sie in der Schule nichts auf die Reihe bringt!“, sagt der Vater zur Mutter. Er kann nicht verstehen, dass seine Frau die gemeinsame Tochter mittags zu ihren Freundinnen gehen lässt, obwohl die letzten zwei Klassenarbeiten negativ ausgefallen sind. „Halt doch mal die Bälle flach!“ sagt die Mutter, die spürt, dass die Tochter derzeit überhaupt keine schulische Motivation mehr aufbringen kann und sich nur noch quält. Welcher Elternteil hat denn nun Recht?

Oft streiten Eltern über den richtigen Weg in der Erziehung. Das tun sie, weil beide ihr Kind lieben und sich Sorgen machen. Dumm nur, dass die beiden in ihrer Analyse zu völlig unterschiedlichen erzieherischen Konsequenzen kommen. Streiten sie nicht miteinander, denn sie haben beide recht!

Wer von dem anderen Elternteil Strenge im Umgang mit dem gemeinsamen Kind fordert, ist meist derjenige, der selbst am wenigsten dazu in der Lage ist. Er ist dann in Sorge, etwas zu versäumen und delegiert die Verantwortung an den anderen Elternteil. Der sorgt sich aber auch um das Kind und versucht den Druck vom Kind wegzunehmen. So geht die Schere in unserem Beispiel auseinander.

Natürlich muss ein Kind sich anstrengen, wenn es das Klassenziel erreichen möchte. Und es ist richtig, dass Eltern ihm dies vermitteln. Doch es nutzt wenig, sein Kind zum schulischen Erfolg „prügeln“ zu wollen. Manchmal müssen Eltern eben auch akzeptieren, dass ihr Kind Grenzen hat. Nicht alle Kinder sind gleich begabt, nicht alle Kinder haben den gleichen „Biss“ und manchmal sind Kinder durch andere Ereignisse belastet. Schulischer Erfolg und Misserfolg sind also nicht immer eine Frage von Fleiß und Faulheit, sondern oft auch eine Frage der Persönlichkeit und Mentalität des Kindes oder den Lebensumständen. Leider wissen wir nicht immer, ist nun im konkreten Fall die Faulheit das Problem oder eine derzeit stark geschundene „Schülerseele“, die eine Auszeit braucht. Oft ist es ein bisschen von beidem, es gibt eben nicht nur schwarz und weis.

In der Arbeit mit Eltern stelle ich oft fest, dass Kinder mittelfristig gute Wege gehen, obwohl ihnen ihre Eltern mit unterschiedlicher Strenge begegnet sind. Wichtig ist, dass die Eltern ihren Streit nicht auf die Spitze treiben. Offenbar profitieren die Kinder von der „Mittellage“  dieses unterschiedlichen Elternverhaltens.  Die Mischung macht’s eben! Für unser Beispiel heißt das: Kinder lernen, dass Anstrengungen sein müssen und sie lernen, dass sie auch mal einen „Durchhänger“ haben dürfen. So entsteht ein mittleres Stressniveau, das den Erfolg am besten fördert.

Reinhard Baumann

Dipl.-Sozialpädagoge