16.03.2017

„Helikopter-Eltern“

Auszüge aus dem Interview von Herrn Christoph Göbel (Fulda aktuell)

mit Herrn Reinhard Baumann, Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche in Fulda (aus: Fulda aktuell vom 18./19.2.2017)

Es scheint populär, sorgende und behütende Eltern als „Helikopter-Eltern“ (engl. helicopter parents oder paranoid parents) zu bezeichnen. Eine solche Zuschreibung hilft weder den Eltern, die aus ihrer Unsicherheit heraus es mit ihrer Fürsorge übertreiben, noch deren Kindern und Jugendlichen, die deswegen an einer angemessenen Autonomieentwicklung gehindert werden, noch den Pädagoginnen und Pädagogen in Schulen und Kindertagesstätten, die unter Eltern leiden, die ihnen auf die „Pelle“ rücken. Die Frage, wieviel elterliche Sorge, Hilfe und Überwachung ein Kind oder ein Jugendlicher von seinen Eltern braucht, ist nur individuell zu beantworten.

Natürlich gibt es Eltern, deren Erziehungsverhalten von zwanghafter Überbehütung und exzessiver Einmischung in die Angelegenheiten des Kindes oder des Heranwachsenden geprägt ist.

 

Inwiefern „schaden“ Helikopter-Eltern ihren Kindern?

Erziehung hat die wachsende Autonomie des Kindes, die zunehmende Emanzipation von den Eltern und das Erreichen von Mündigkeit und Selbstbestimmung zum Ziel. Die Geburt des Kindes selbst, sein Abstillen, die Aufnahme in den Kindergarten, in die Schule, seine „Verbannung“ aus dem Elternbett usw. sind frühe Schritte auf dem Weg dahin. Auch „Helikopter-Eltern“ formulieren solche Ziele. Sie tun sich allerdings schwerer, ihre Kinder auf diesem Weg loszulassen. Sie ertragen kein Risiko, wollen alles unter Kontrolle halten. Schon früh scheint ihnen der Erfolg ihres Kindes richtungsweisend für sein Leben. Wer allerdings möchte, dass sein Kind eigenverantwortlich handeln lernt, muss sich auch trauen, ein „Verantwortungsvakuum“ zu schaffen, muss auch seinem Kind etwas zutrauen und zumuten. Erst dann kann ein Kind dieses Vakuum mutig mit Eigenverantwortung füllen. Aber auch das Scheitern gehört zum Lernen. Scheitern scheint für „Helikopter-Eltern“ allerdings „Absturz“ zu bedeuten.

Welche Auswirkungen haben diese Eltern auf Kinder?

Eltern, die überbehüten, vermeiden, dass ihre Kinder wertvolle eigene Erfahrungen machen können. Kinder wollen stolz darauf sein, etwas alleine erreicht zu haben. Sie genießen es, eigene kreative Lösungen für ihre Aufgaben zu entwickeln und sie lernen auch aus ihrem gelegentlichen Scheitern.

Die Zeit für ein unverkrampftes und unbelastetes Lernen wird immer kürzer. Bereits im Grundschulalter wird von manchen Eltern der spätere (schulische) Erfolg fokussiert und geplant. So haben dann „Wir“ (Kind und Eltern) eine schlechte Note in der Schule bekommen. Und selbst an den Hochschulen sind heute gemeinsame Veranstaltungen der Erstsemester mit ihren Eltern die Regel.

Übergroßer Ehrgeiz oder Ängste vor dem schulischen Scheitern beeinflussen häufig die tägliche Kommunikation in der Familie negativ. Ein „Genug ist nicht genug“, Gespräche über „Defizitäreres“ bestimmen eher den Alltag, als Lob und Anerkennung. Die Leichtigkeit kindlichen (und elterlichen) Lebens geht und der Selbstwert von Kindern (und Eltern) schwindet.

Ab welchem Alter beginnt normalerweise der „Abnabelungsprozess“ der Kinder von ihren Helikopter-Eltern?

Wie der Begriff selbst es schon ausdrückt, beginnt „Abnabelung“ mit der Geburt. Es ist ein kontinuierlicher Prozess bis hinein in das dritte Lebensjahrzehnt. Sehr deutlich wird das Bedürfnis des Menschen nach Autonomie zuerst mit Beginn des zweiten Lebensjahres. Das Kind entwickelt seinen eigenen Willen und erfährt auch erste Grenzen, wenn es zum Beispiel den Blumentopf trotz der aufregenden Erde darin nicht ausräumen darf. Für das Kind ist die „Entdeckung seines Ichs“ eine einschneidende Erfahrung. Es weiß inzwischen, dass es etwas selbst machen kann, möchte Dinge ausprobieren, auch wenn es allein noch nicht klappt und möchte sich zwischen verschiedenen Möglichkeiten entscheiden können. Kinder braucht nun besonders Lob und Ermutigung, um sich ausprobieren zu können. Das gelingt vielen Eltern noch. Schwieriger wird es noch einmal, wenn mit zwölf oder dreizehn Jahren die Entwicklung Eigenständigkeit und Verselbstständigung des jungen Menschen zum Ziel hat. Jugendliche streben tendenziell in Richtung einer Vergrößerung ihres Handlungs- und Entscheidungsspielraums. Das bedeutet natürlich, dass dies durch eine Verstärkung der persönlichen Verantwortlichkeit erkauft werden muss. Eltern, die es versäumen, hier Verantwortlichkeiten abzugeben, müssen damit rechnen, dass ihre jugendlichen Kinder sich (zu) schnell von ihnen lösen und ihre Autorität nicht mehr anerkennen. Oder, dass ihre Kinder an ihnen klammern und Selbständigkeit vermeiden.

Welche Hilfestellungen für Kinder und Jugendliche gibt es? An wen können sie sich wenden, wenn ihnen die überfürsorglichen Eltern zu viel werden?

Ein Jugendlicher, der sich von seinen Eltern gegängelt und kontrolliert fühlt, kann sich natürlich an seine Lehrer, das Jugendamt oder an eine Beratungsstelle wenden. Von einem Kind, das in starker Abhängigkeit und Kontrolle von seinen (Helikopter-) Eltern lebt, kann man allerdings kaum erwarten, dass es sich an öffentliche Stellen wendet. Hier braucht es Erwachsene, die begleiten.

Haben Sie Ratschläge für Eltern, die ein solches Verhalten bei sich selbst feststellen?

Manchmal sehen die Eltern selbst, dass sie mit ihrer großen Sorge in einer Sackgasse gelandet sind. Oft ist dies der Fall, weil ihre Kinder sich gegen die starke Einflussnahme ihrer Eltern wehren oder weil der familiäre Alltag so stark unter Druck steht, dass ein Familienmitglied Symptome zeigt. Auch hier kann das Aufsuchen einer Beratungsstelle eine wichtige Unterstützung bieten.

Reinhard Baumann

Diplom-Sozialpädagoge