Nachrichten

28.09.2017

„Hilfe– mein Kind ist immer noch nicht trocken …“


denken viele Eltern von zwei- bis dreijährigen Kindern beim stolzen Berichten anderer Eltern über die Erfolge ihrer Kinder.

Es ist immer noch sehr verbreitet, dass der zweite Geburtstag spätestens der Start für ein Sauberkeitstraining sein soll, obwohl dies wissenschaftlich widerlegt ist. Heute weiß man, damit ein Kind überhaupt fähig ist, sauber zu werden, müssen die Nervenbahnen zwischen Blase/Darm und Gehirn erst ausreifen und dies ist frühestens am Ende des zweiten Lebensjahres, häufig jedoch erst im Laufe des dritten Lebensjahres, so differenziert geschehen, dass ein Kind zur perfekten Kontrolle seines Schließmuskels fähig ist.

Das Kind darf sich auch zu Beginn des 3. Lebensjahres noch Zeit lassen, da das Sauberwerden von Kind zu Kind (auch zwischen Geschwistern) sehr unterschiedlich sein kann und auch durch andere aufregende Geschehnisse in der Familie wie die Geburt eines Kinder oder Umzug in den Hintergrund rücken kann. So ist manchmal ein 2-jähriges Kind an Toilette und Töpfchen sehr interessiert und ein 3-jähriger weiß noch nichts damit anzufangen.

Eltern können das Tempo des Sauberwerdens nicht bestimmen, sind jedoch wichtige Begleiter.

Nach folgenden Entwicklungsschritten läuft meist der Weg zur Blasen- und Darmkontrolle ab, nennen wir es doch besser Erfolgsschritte:

  1. Erfolgsschritt:

Das Kind ist aufmerksam für die Signale im Bauch. Manchmal sagt es vielleicht auch „im Bauch drückt was“.

  1. Erfolgsschritt:

Die Eltern beobachten „ die Meldung im Nachhinein“, d.h. ein Kind setzt sich oft in die Ecke, hat noch die Windel an und macht bewusst hinein.

Den Eltern sollte nun bewusst sein, dass dies keine Panne ist, sondern dass die Meldung im Nachhinein ein wichtiger Schritt zum Erfolg und ein dickes Lob Wert ist.

  1. Erfolgsschritt:

Das Kind nimmt nicht nur den Harndrang wahr, sondern versucht auch, darauf zu reagieren, indem es trippelt, tänzelt, die Oberschenkel zusammenkneift, um den Harndrang ungeschehen zu machen. Wichtig werden jetzt die Eltern, diese Anzeichen zu erkennen und darauf zu reagieren, indem wir das Kind ansprechen: „Ich glaube, du musst Pippi machen, komm, wir versuchen es mal auf dem Töpfchen“.

  1. Erfolgsschritt:

Kinder melden ihre Empfindungen und teilen schon einmal deutlich mit: „Mama/ Papa, ich muss mal“ oder „Mama/Papa Pippi!“ Um nun rechtzeitig auf die Toilette oder das Töpfchen zu kommen, sind die Eltern gefragt.

Sendet uns das Kind Signale, dass es muss, können wir sein Bedürfnis nicht auf die lange Bank schieben, sondern müssen umgehend reagieren, denn erst in einer letzten Phase der Sauberkeitsentwicklung können Kinder Urin und Stuhlgang auch für längere Zeit einhalten.

Was noch zu überlegen ist:

  • Hat Ihr Kind schon die ersten Erfolge auf dem Töpfchen, macht es Sinn, eines auch bei Ausflügen, Besuchen usw. dabei zu haben, um auf seine Meldungen reagieren zu können.
  • Bereitet Ihrem Kind der Stuhlgang Schmerzen, achten Sie doch einmal darauf, ob Ihr Kind genug trinkt oder vollwertige Nahrung die Verdauung fördern könnte.
  • Eltern sollten ihren eigenen Toilettengang nicht tabuisieren, sondern das Kind als ganz selbstverständlich erleben lassen.
  • Vermitteln Sie Uhren Kindern nicht, dass Toilette usw. etwas Ekliges ist und nennen den Inhalt des Töpfchens „Bähh“ oder „Pfui“. Das Kind ist ja erst einmal stolz auf sein „Pippi“ oder „Kacka“ und darf es auch selbst in der Toilette runterspülen.
  • Der Weg zum Sauberwerden ist oft durch kleine Missgeschicke gekennzeichnet, deshalb sollte man auch noch über einen längeren Zeitraum Wechselwäsche dabei haben, um dem Kind aus einer misslichen Situation ohne großes Aufheben helfen zu können. Auch hilft Kleidung, die einfach und schnell zu öffnen ist.
  • Schimpfen Sie nicht, wenn das Geschäft einmal in die Hose geht. Ihr Kind macht das nicht absichtlich. Ihr Kind braucht jetzt Trost.
  • Berichten Sie Erzieherinnen oder anderen Betreuungspersonen, wenn Ihr Kind erste Signale sendet. Es ist wichtig, hier an einem Strang zu ziehen.
  • Stellen Sie sich darauf ein, dass Toiletten und alles was damit zusammenhängt in nächster Zeit hochinteressant sein können. Ihr Kind ist einfach neugierig!
  • Informieren Sie sich selbst, denn die meisten Probleme bei der Sauberkeitsentwicklung entstehen durch falsche Erwartungen und falschen Rat.

Ein Wort zu früher:

Tatsächlich war es so, dass die Sauberkeitserziehung schon nach Vollendung des ersten Lebensjahres begann. Dies hatte ganz praktische Gründe, nämlich, dass Windeln zu waschen und trocknen einen enormen Aufwand bedeuteten. Kinder wurden oft mehr als 5-mal täglich für längere Zeit aufs Töpfchen gesetzt und das eine oder andere Kind war tatsächlich sehr früh trocken.

In den letzten 30 Jahren hat sich die Sauberkeitserziehung entschärft und immer weniger Eltern erwarten eine perfekte Blasenkontrolle zwischen dem 1. und 2. Lebensjahr, sondern geben ihrem Kind die Zeit, die es braucht.

Letztendlich sind gleich viele Kinder (verglichen mit früher) mit 4 Jahren stabil trocken, auch diejenigen, die man mit wesentlich weniger Stress und Aufwand in ihrer Entwicklung begleitete und auf ihr eigenes Körpergefühl achten ließ.

Ihr Kind wird es Ihnen danken, wenn Sie es auf dem Weg zum Trockenwerden einfühlsam unterstützen – ein Mosaiksteinchen zu einer selbstbewussten Persönlichkeit.

Carola Möller

Diplompädagogin


01.09.2017

Pippi Langstrumpf und Ronja Räubertochter- Mädchen stärken und erziehen


Durchsetzungskraft, Mut und Eigenständigkeit der Mädchenfiguren in den Büchern Astrid Lindgrens sprengen alle Begrenzungen, die aufgrund des Geschlechts und des kindlichen Alters von Pippi und Ronja vom Leser erwartet werden. Obwohl das Kinderbuch „Pippi Langstrumpf“ bereits 1945 erschien und mit Rollenstereotypien aufräumt, kommt eine Studie  der Harvard Graduate School of Education 2010 zum Ergebnis, dass männliche und weibliche Teenager und ihre Eltern Vorurteile gegenüber Mädchen und Frauen haben, die eine Führungsposition übernehmen möchten.

Aber wie gelingt es Eltern, ihre Töchter zu selbstbewussten, starken und mutigen Mädchen zu erziehen, die sich irgendwann einmal selbst die Führungsposition zutrauen?

  • Trauen Sie Ihrer Tochter etwas zu! Widerstehen Sie Ihrem Impuls, jeden Stein aus dem Weg räumen zu wollen und erlauben ihr eigene Fehler und Erfahrungen zu machen. So entsteht das Gefühl, etwas selbst geschafft zu haben. Das macht stark und gibt Selbstvertrauen.
  • Selbstwirksamkeit heißt das Zauberwort! Indem Ihre Tochter ein altersangemessenes Mitspracherecht erhält, wird sie feststellen, dass sie etwas zu sagen hat und ihr Selbstbewusstsein wird gestärkt. Lassen Sie sie entscheiden, ob sie die blaue oder die grüne Hose anziehen möchte und ob es am Wochenende zum Klettern oder in den Tierpark geht.
  • Konflikte erwünscht! Mädchen verhalten sich häufig angepasst, um die Anerkennung oder die Freundschaft der anderen nicht zu verlieren. Ermutigen Sie Ihre Tochter dazu, sich nicht alles gefallen zu lassen, sich zu wehren. Zeigen Sie ihr, wie sie für ein Anliegen eintritt, um das Erwünschte zu erhalten.
  • Toben, Schmutz und frische Luft ja bitte! Viele Mädchen malen und basteln gerne, spielen und toben daher seltener draußen als Jungen. Ermutigen Sie Mädchen, im Freien zu spielen – dort wichtige Erfahrungen zu sammeln. Eine solche Erziehung fördert deren motorischen Fähigkeiten, stärkt das Selbstbewusstsein und hilft, die eigenen Kräfte besser einzuschätzen. Gehen Sie Zelten, machen Sie Geocaching in fremdem Terrain und vermitteln Sie Naturerlebnisse.
  • Technik macht auch Mädchen Spaß! Nach landläufiger Meinung sind Mädchen an Technik wenig interessiert, weshalb ihnen entsprechende Angebote oft vorenthalten werden. Beteiligen Sie ihre Tochter am nächsten Reifenwechsel, beim Umbau im Haus, besuchen Sie ganz selbstverständlich (auch) technische Museen und bieten Sie entsprechendes Spielzeug an.
  • Die räumliche Wahrnehmung fördern! Die räumliche Vorstellungskraft von Jungen ist besser als die vieler Mädchen. Dies lässt sich evolutionspsychologisch erklären. Anders als die Frauen mussten sich Männer vor Jahrtausenden viele Kilometer von ihrer Hütte entfernt orientieren, um Wild zu jagen. Dieser Unterschied lässt sich allerdings durch Training relativ schnell ausgleichen. Such- und Zuordnungsspiele und das Zutrauen der Eltern, dass ihre Töchter selbst den Schulweg und ähnliche räumliche Herausforderungen meistern können, lässt Geschlechterunterschiede verschwinden.

Kirsten Hückel-Dege

Dipl.-Sozialpädagogin


28.07.2017

Alkoholismus als Familienkrankheit


Die deutsche Hauptstelle gegen Suchtgefahren schätzt etwa 10 % der Bevölkerung als stark alkoholgefährdet ein (das sind etwa 8 Millionen Menschen). Der Alkoholverbrauch pro Kopf der Bevölkerung stieg von 3 Liter reinen Alkohols von 1950 auf rund 12 Liter in 1990 und ist seitdem wieder leicht rückläufig. Im selben Zeitraum stieg die Zahl der behandlungsbedürftigen Alkoholkranken von etwa 200.000 Menschen auf heute über 2,5 Millionen. Die Zahl der stark alkoholgefährdeten bzw. alkoholkranken Kinder und Jugendlichen wird heute auf 0,5 Millionen geschätzt. Der durch die Alkoholkrankheit hervorgerufene volkswirtschaftliche Schaden in Deutschland ist immens. Nach amtlichen Schätzungen sind rund 5 % der Beschäftigten in Deutschland alkoholkrank.

Ist ein Familienmitglied alkoholabhängig, leidet die ganze Familie mit. Die Familie setzt alle Hebel in Bewegung, um den Alkoholkonsum des Abhängigen unter Kontrolle zu bringen. Man versucht dabei verschiedene Methoden. Man schüttet den Alkohol weg oder versteckt die alkoholischen Getränke, die Familienmitglieder suchen nach den heimlichen Alkoholvorräten in der Wohnung, sie trinken mit, sie bitten, sie versprechen, sie fordern, sie schimpfen, sie drohen, sie beschuldigen. Je mehr der Alkoholiker trinkt und der Alkoholismus fortschreitet, umso mehr versucht die Familie, den Alkoholismus des betroffenen Familienmitgliedes in den Griff zu bekommen. Das ganze Denken, Fühlen und Handeln der Familie dreht sich um den Alkoholkonsum des Betroffenen. Es werden immer neue Versuche unternommen, ihn von der Sucht wegzubekommen. Immer neue Hoffnungen durch den Alkoholkranken werden geweckt und die Familie erlebt immer wieder gleichzeitig neue Enttäuschungen. Das Thema Alkoholismus des Betroffenen wird zum Mittelpunkt der gesamten Familie, der „Alkoholismus“ sitzt mit am Familientisch. Die Gefühle der Familienmitglieder sind ähnlich denen des Abhängigen. Auch sie fühlen sich hilflos, schuldig und frustriert. Hinzu kommen im Laufe der Zeit eine gewaltige Portion an Ärger und Wut, denn alle Bemühungen, seine Abstinenz zu erreichen, führen zu keinem befriedigenden Ergebnis. Änderungen, die er permanent verspricht, die locken und die Hoffnung machen, sind meist nur von kurzer Dauer und alsbald beginnt das Spiel von neuem. Der Alkoholiker trinkt wieder! Alle Versprechungen sind vergessen. Das Leben der Familie dreht sich permanent um das Thema „Wird er wieder trinken? Was erwartet mich zuhause und er wieder betrunken ist? Wo hat er den Stoff versteckt?“ Eigene Interessen treten in den Hintergrund. Es geht nur noch um das Thema „der Alkoholiker soll aufhören zu trinken, damit es der Familie wieder besser geht“.

Auch die in der Familie lebenden Kinder sind betroffen, selbst wenn die Erwachsenen denken, dass die Kinder nichts mitbekommen. Dies ist leider nicht so. Viele Eltern versuchen, die Problematik vor dem Kind geheim zu halten, um es zu schützen. Kinder bekommen mehr mit von der Not der Familie als man denkt. Kinder können ihre Ängste und Nöte nicht so zum Ausdruck bringen, auf sprachlicher Ebene, wie die Erwachsenen das tun können. Sie leiden still. Kinder können sich keine neuen Eltern suchen, sie sind auf die Liebe und Versorgung der Eltern angewiesen, bis sie selbst stark genug und erwachsen sind, um für sich selbst zu sorgen. In einer solchen Situation sind Kinder oft auf sich allein gestellt. Der Alkoholkranke ist mit sich und seiner Sucht beschäftigt, der Partner so in der Coabhängigkeit verstrickt und darum bemüht, das Familienleben aufrecht zu erhalten, dass keine Zeit und keine Kraft mehr für die Kinder übrig bleibt. Viele Kinder versuchen dann, ihre Eltern (besonders den trinkenden Elternteil) in Schutz zu nehmen und übernehmen häufig Aufgaben im Haushalt und in der Familie, die ihnen altersmäßig nicht zustehen, um das Familiensystem zu entlasten. Häufig ist es auch so, dass sie sich nicht mehr trauen, Freunde mit nachhause zu bringen, um diesen Freunden keinen Einblick in die häuslichen Zustände zu geben. Dadurch isolieren sie sich zusätzlich, um die Familie und das System zu schützen. Sie übernehmen oft Rollen, die in normalen Familien von Erwachsenen ausgefüllt werden, um der Familie zu helfen. Sie sind „kleine Erwachsene“, eine eigene Kindheit findet nicht mehr statt.

Sollte es in Ihrer Familie einen Alkoholkranken geben oder sie die Gefährdung eines Familienmitgliedes bemerken, suchen sie sich rechtzeitig Hilfe, bevor die Krankheit das Familienleben dominiert.

Fachkundige Hilfe findet man bei den Suchtberatungsstellen der Diakonie und der Caritas. Sie können sich an die Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche wenden. Mittlerweile bieten auch zahlreiche Betriebe für ihre Mitarbeiter ein Konzept von Maßnahmen und Hilfsangeboten für suchtkranke Mitarbeiter an, vielfach bestehen auch Betriebsvereinbarungen über den Umgang mit Alkohol im Betrieb und den Umgang mit Alkoholkranken. Wenden Sie sich in diesem Fall an die dafür ausgebildeten Mitarbeiter der Betriebe. Ein weiteres Hilfsangebot stellen die Selbsthilfegruppen der Alkoholkranken dar. Man kann sich z. B. an die Anonymen Alkoholiker, das Blaues Kreuz, die Guttempler, den Kreuzbund und weitere Selbsthilfegruppen wenden.

Bleiben Sie nicht in der Abgeschottetheit der Familie, gehen Sie nach außen, suchen Sie sich aktiv Hilfe.

Margit Kirsch

Dipl.-Psychologin


30.06.2017

„Wann sind wir denn endlich da?“


FZ-Artikel, erschienen am 13.06.2017 (Frau Lisa Krause FZ interviewt Frau Katharina Bauer, Psychologin in der Beratungsstelle für Eltern, Kinder Jugendliche)

Gute Planung, Rituale und flexibel bleiben: So gelingt der Familienurlaub

Ferienzeit ist Urlaubszeit: Eltern wollen Erholung. „Kindern kommt das Adrenalin schon fast aus den Ohren heraus“, sagt Psychologin Katharina Bauer (39) von der Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern in Fulda. Sie gibt Tipps, wie der Familienurlaub entspannter ablaufen kann.

Steht der Urlaub an, erstellen Familien am besten eine Checkliste. Die kann man dann beim Packen abhaken – und nachher noch mal gemeinsam durchgehen. Zwar können Kinder ihren Koffer noch nicht ganz allein packen, die Eltern sollten es aber auch nicht für sie übernehmen. Psychologin Katharina Bauer findet es wichtig, den Nachwuchs – und auch schon die ganz Kleinen – mit einzubeziehen. „Eltern wollen oft schnell fertig werden. Aber sie sollten die Kinder dabei nicht übergehen. Lassen Sie Ihr Kind selbst entscheiden, welches Kuscheltier oder welches Lieblingskleidungsstück mit in den Koffer soll“, sagt Bauer, die selbst Mutter von zwei Kindern (10 und 13) ist. Jugendliche packen ihren Koffer am besten allein. Nur wichtige Dokumente sollten Eltern im Blick haben.

So groß die Vorfreude auf den gemeinsamen Urlaub auch ist, es gilt, die Erwartungen ein wenig herunterzuschrauben – das beugt Reibereien vor. „Bleiben Sie echt. Das heißt: Haben die Kinder keine Lust auf stundenlange Wanderungen, braucht man die auch gar nicht einplanen. Das sorgt nur für Frust und schlechte Stimmung“, so Bauer.

Laut der Expertin könne man schon im Vorfeld überlegen, was jeder gerne machen möchte. „Kinder haben da oft ganz tolle und kreative Ideen“, weiß die 39-jährige. Schön findet sie, wenn man so etwas wie ein Urlaubsritual entwickelt. „Macht die Familie etwa Urlaub in einem Ferienhaus, könnte ein Ritual das Brötchenholen am Morgen sein. Oder alle spielen am Abend zusammen Karten und lassen so den Tag ausklingen. Für Kinder sind das Dinge, die sie immer in Erinnerung behalten werden“.

Wichtig sei, den Urlaub bewusst als Familienzeit wahrzunehmen. „Klar, es gibt immer Dinge, die man im Kopf hat. Das können der Beruf oder Arbeiten am Haus sein. Versuchen Sie, das in den Ferien mal bewusst wegzupacken – der Familie zuliebe“, macht Bauer deutlich. Vater und Mutter könnten die freie Zeit auch dafür nutzen, mal etwas alleine mit einem Kind zu machen, um sich so noch intensiver mit ihm beschäftigen zu können. „Der Papa geht zum Beispiel mit dem Sohn schnorcheln, während die Mutter mit der Tochter Eis essen geht oder durch die Geschäfte schlendert. Am Nachmittag treffen sich dann alle wieder“, empfiehlt die Expertin.

Sind die Kinder schon etwas älter, seien Kompromisse das A und O: „Jugendliche wollen gerne mal etwas alleine machen. Oder einfach nur ausschlafen. Das sollten Eltern respektieren“, rät Bauer. Die Psychologin empfiehlt Eltern außerdem: „Bleiben Sie flexibel, und versuchen Sie, die Dinge – trotz guter Planung – einfach auf sich zukommen zu lassen. Dann wird das automatisch ein toller Familienurlaub.“

 

 

 

 


16.06.2017

Das Wechselmodell


Ein (un-)mögliches Betreuungskonzept für Kinder nach einer Trennung?

Nachdem ein Vater Rechtsbeschwerde eingelegt hatte, entschied der Bundesgerichtshof, dass Familiengerichte zukünftig ein Wechselmodell anordnen dürfen.

Ein „paritätisches Wechselmodell“ liegt vor, wenn die Betreuungsleistung gleich (50:50) aufgeteilt ist. Aber auch, wenn die Betreuung bis zu 10 Prozent vom rechnerischen Mittelwert abweicht, liegt noch ein Wechselmodell vor. Von einem „Residenzmodell“ spricht man, wenn das Kind seinen Lebensmittelpunkt bei einem Elternteil hat und einen regelmäßigen Umgang mit dem anderen (ab 70:30).

Keines der Modelle stellt ein gesetzliches Leitbild dar. Auch die Frage, wie Eltern bei einem Residenzmodell den Umgang ihres Kindes mit dem anderen Elternteil organisieren, bleibt ihnen selbst überlassen. Eltern sind in ihren Entscheidungen einzig an das Wohl ihrer Kinder gebunden.

Die Mehrzahl der von Trennung und Scheidung betroffener Kinder lebt in Deutschland in einem Residenzmodell. Zunehmend entscheiden sich jedoch Eltern für ein paritätisches Wechselmodell. Die Initiative dabei geht oft von den Vätern aus. Es gibt Länder, da legt das Recht die paritätische Betreuung der Kinder als Regelbetreuungsmodell fest (z. B. Belgien seit 2006). In Staaten wie Schweden, Norwegen und Frankreich ist ein paritätisches Wechselmodell verbreitet.

Das Wechselmodell kann gleichsam das beste und das schlechteste Modell für ein Kind sein. Das Betreuungsmodell selbst steht in keinem Zusammenhang mit dem Wohlbefinden eines Kindes. Nicht die Quantität der Kontakte mit einem Elternteil bestimmt sein Wohlbefinden, sondern deren Qualität. Wenn Eltern ihre Konflikte gut miteinander regulieren, ist das Wechselmodell für die betroffenen Kinder ein gutes Modell. Wenn Eltern allerdings häufig streiten, kann das für ein Kind belastender sein, als ein Beziehungsabbruch zu einem Elternteil. Kinder im Säuglingsalter und ältere Kinder/Jugendliche sind eher durch ein Wechselmodell belastet. Pflichtbewusste Kinder, die in der Lage sind, ihre Aufgaben selbständig zu regeln, können von dem Modell profitieren. Das Wechselmodell setzt eine doppelte Ausstattung der Kinder voraus.

Wie kommen Eltern zu einer guten Entscheidung?

Eltern, die sich trennen, sollten sich nicht von vornherein auf ein Betreuungskonzept festlegen. Besser ist es, lösungsoffen miteinander das Gespräch aufzunehmen, ehrlich die Situation der Familie zu analysieren, auszuprobieren und zu sehen, was funktioniert. Jeder Plan kann sich entwickeln und darf verändert werden. Es ist gut, das Kind mit zunehmendem Alter mehr daran zu beteiligen.

Reinhard Baumann

Dipl.-Sozialpädagoge


23.05.2017

Jungen erziehen? Wunderbar!


Michel aus Lönneberga muss wieder in den Schuppen, Zappelphilipp mit dem Ärger und der Enttäuschung der Eltern klar kommen und wie wir alle wissen, geht die Erzählung von Max und Moritz ebenfalls schlimm aus.

In allen drei Geschichten sind es Jungen, die sich nicht angemessen benehmen und deshalb mächtig Ärger bekommen, was die Vermutung nahelegt, Jungen seien schwerer erziehbar als Mädchen. Neben Eltern unterliegen auch pädagogische Fachkräfte oft der irrigen Annahme, der Umgang mit Jungen sei schwerer als der mit Mädchen.

Jungen sind wunderbar lebendig, kreativ und immer für eine Überraschung gut. Man muss ihre Verhaltensweisen nur richtig verstehen und einordnen.

  • Jungen tragen ihre Konflikte und ihre Konkurrenz untereinander gerne mit „Kämpfchen“ aus, rangeln und raufen deshalb miteinander. Sie lernen dabei, an welcher Stelle es sich lohnt, sich zu behaupten oder auch einmal zurückzustecken, also Kompromisse einzugehen, Regeln festzulegen und die eigenen aber auch die Grenzen der anderen auszuloten. Eltern sollten in erster Linie dafür sorgen, dass Gewalt vermieden wird andererseits den Kindern zutrauen, dass sie eigene Regeln festlegen – schließlich wollen diese sich gegenseitig nicht ernsthaft verletzen.
  • Neurobiologen wissen, dass sich männliche und weibliche Gehirne deutlich unterscheiden. Ein bekannter Erklärungsversuch liegt in der Evolutionstheorie, Frauen waren eher für die Erziehung und Pflege der Kinder zuständig; entwickelten deshalb zum Beispiel stärker soziale und emotionale Fähigkeiten. Männer hingegen sorgten sich um die Beschaffung der Nahrung und der Abwehr von Gefahren, etablierten deshalb Fähigkeiten, mit Konflikten und Konkurrenz umzugehen. Wenn Eltern ihren Söhnen vermitteln, dass deren Gefühle und Impulse richtig sind, tragen sie dazu bei, Jungen zu selbstbewussten, feinfühligen und starken Männern zu erziehen.
  • Im Kindergarten und spätestens bei der Einschulung wird vielen Jungen ihr natürlicher Bewegungsimpuls zum Verhängnis, dort treffen sie häufig auf wenig Verständnis und viel Kritik. „Stillsitzen müssen“ führt dann schnell zu Motivationsverlust und Schulunlust mit den bekannten Konsequenzen. Konzepte, bei denen Jungen „bewegt“ lernen dürfen, steigern deren Leistungs- und Sozialverhalten. Bei den Hausaufgaben helfen Bewegungspausen.
  • Sätze wie „Jungen haben es in unserem Bildungssystem schwer“ oder „Jungen sind schwerer erziehbar“ sind falsch. Damit diese Prophezeiung keine wird, die sich selbst erfüllt, sollten Eltern ihren Söhnen einfach zutrauen, sich positiv zu entwickeln und ihren individuellen Weg der Entwicklung zu finden.
  • Studien widerlegen übrigens den Mythos, Jungen würden sich schulisch negativ entwickeln, sollten sie hauptsächlich von weiblichen Pädagogen unterrichtet werden. Es gibt keinen Unterschied zwischen den Leistungen männlicher Grundschüler, die von Frauen und jenen, die von Männern unterrichtet werden.
  • Jungen sind „Macher“, brauchen keine Gebrauchsanweisung, wollen ausprobieren und analysieren anhand des Ergebnisses, welche Handlungsschritte notwendig sind, um ein passables Resultat zu bekommen. Da wird munter drauflos gewerkelt, um am Ende motiviert festzustellen: “Jetzt weiß ich, wie es geht.“

Kirsten Hückel-Dege

Diplom-Sozialpädagogin


06.04.2017

Erziehung von Anfang an: Kein Stress mit Regeln


Eltern erziehen zunächst intuitiv, da Babys noch ganz von ihren Bedürfnissen bestimmt sind. Die Erfüllung der Bedürfnisse darf noch nicht auf die lange Bank geschoben werden.

Bis dahin haben strikte Verbote, Maßnahmen und Regeln nichts im Miteinander mit dem Baby zu suchen. Erziehung ist viel mehr Beziehungsarbeit mit dem Ziel eines guten Miteinanders. Dass dies auch sehr anstrengend sein kann, steht außer Frage – aber der Einsatz lohnt sich; umso besser das Miteinander zwischen Eltern und Kind funktioniert, umso besser wird auch später ein Kind spüren, was die Eltern von ihm wollen und Regeln einhalten.

Eine besondere Bedeutung haben anfangs auch Alltagsstruktur und Rituale, die dem Baby helfen, sich unserem Alltag anzupassen. So lernt es z.B. den Tag/Nachtrhythmus, indem wir das Licht dimmen, leise sprechen und ein Nachtlied vorsingen. Rituale erleichtern Kindern, Regeln später selbstverständlicher einzuhalten. Dies geschieht ohne viele Worte – ganz natürlich.

Von bewusster Erziehung, verbunden mit Grenzen setzen, kann man mit beginnender Mobilität ab ca. dem 8. Lebensmonat sprechen.

Babys beginnen die Nase von der Brille zu ziehen, zur Steckdose zu krabbeln oder aus dem Blumentopf die Erde zu buddeln. Eltern müssen Grenzen setzen – was ist dazu zu wissen:

  • Mit „Nein“ und Verboten sollte man sparsam umgehen, denn ein „Nein“ verstehen Kleinkinder erst ab 1 – 1 ½ Jahren.
  • Auf Grund unseres Tonfalls verstehen Babys vielleicht schon, dass sie z.B. nicht zu diesem Blumentopf krabbeln sollen, können jedoch noch keine Transferleistung vollbringen, nämlich, dass auch aus keinem anderen Blumentopf Erde gebuddelt werden darf.
  • Trotzdem ist ein kurzes Nein in dieser Situation angemessen. Das Baby soll ja im Laufe der Zeit die Bedeutung von einem Nein erlernen.
  • Legitim ist, die Aufmerksamkeit eines Babys auf einen anderen Gegenstand zu richten und es abzulenken. Bei einem Baby gilt noch: Aus den Augen – aus dem Sinn. Eine kindersichere Wohnung, wertvolle Gegenstände aus Babys Reichweite zu räumen, erleichtert den Alltag und reduziert das nervige Grenzen setzen und Verbote aussprechen.
  • Beherzigen Sie auch jetzt schon: Möglichst wenig Aufmerksamkeit nicht erwünschtem Verhalten – viel Aufmerksamkeit gegenüber positivem Verhalten.
  • Bleiben Sie ruhig und sachlich und unterstützen Sie ein „Nein“ immer auch mit ernstem Gesicht und entsprechender Mimik und Gestik. So wird Ihr Baby im Laufe der Zeit lernen, dass Sie es mit dem Verbot ernst meinen.
  • Kritisieren Sie ein Verhalten, nicht die Person. So kann man zu einem Baby sagen, das der Mama die Brille von der Nase zieht: Ich verstehe ja, dass dich die Brille interessiert, aber ich will das nicht. Und nehmen die Brille wieder zurück.
  • Für Babys wäre es besonders schlimm, beschimpft zu werden, etwas in der Form: Du schlimmes Kind, du machst mich vollkommen fertig! Babys sind noch in einer engen Symbiose mit den Eltern und beziehen Beschimpfungen unmittelbar auf sich.

Im Alter von 1 -5 Jahren müssen Kinder zunehmend lernen, dass ihre Bedürfnisse nach Aufmerksamkeit und Nähe nicht mehr unmittelbar erfüllt werden. Das zunehmende Sprach- und Weltverständnis der Kinder hilft ihnen dabei, Regeln auch verstehen zu können.

Weiterhin sollte uns bewusst sein, dass das Verhalten der Erwachsenen genau beobachtet und auch kopiert wird – im Positiven wie im Negativen.

Hinzu kommt in dieser Altersspanne die Entwicklung des eigenen Willens, so dass Kinder immer wieder auszuprobieren versuchen, was passiert, wenn es einer Regel nicht nachkommt und Grenzen überschreitet. Das ist zwar anstrengend aber auch eher normal.

Folgende Ideen könnten in schwierigen Situationen hilfreich sein.

  • Bleiben Sie freundlich und sachlich!
  • Verlangen Sie von Ihrem Kind nur das, was es altersgemäß auch leisten kann. Hat ein 2-jähriges Kind in seinem Zimmer viel Unordnung angerichtet, so ist es mit dem Aufräumen des ganzen Zimmers überfordert – es kann aber z.B. die Bausteine wegräumen.
  • Nehmen Sie sich Zeit, wenn Sie feststellen, dass Ihr Kind einer Aufforderung nicht nachkommt – gehen Sie zu Ihrem Kind.
  • Keine Wunschformulierungen, wenn Sie etwas von Ihrem Kind wollen. Reden Sie in der Ich – Form und auf Augenhöhe mit dem Kind: Ich möchte jetzt, dass Du den Löffel vom Boden aufhebst!
  • Gekonntes Schweigen erhöht den Druck, so dass Ihr Kind einer Aufforderung nachkommt.
  • Unser Alltag ist strukturiert und besteht zu genüge aus Regeln, deshalb gilt: Grenzen wo nötig – so wenig wie möglich.
  • Es dauert oft lange, bis sich Kinder Antworten und Reaktionen ihrer Eltern in bestimmten Situationen einprägen und verinnerlichen; Lernprozesse, welcher Art auch immer, erfordern Deutlichkeit und ständige Wiederholungen, auch wenn dies sehr anstrengend ist.

Grundsätzlich gilt: Von einem Kind kann man nur das erwarten, was es seinem Entwicklungsstand nach leisten kann. Regeln müssen also dem Alter und Entwicklungsstand eines Kindes gerecht werden. Die Regeln, die jetzt gelten, wie zu Bett Geh Zeiten haben vielleicht schon bald keine Gültigkeit mehr.

Eltern geben den Rahmen und Regeln vor. Werden diese nicht eingehalten, müssen unmittelbar Konsequenzen erfolgen, am Besten solche, die sich aus der Situation ergeben: Wer abends das Schlafengehen immer wieder hinauszögert, kann keine Geschichte mehr vorgelesen bekommen – weil es sonst zu spät wird. Solche Konsequenzen verstehen Kinder am besten.

Um für Kinder glaubhaft zu sein, gilt: Wenn ich Nein sage, dann muss es auch dabei bleiben. Eltern müssen für sich im Vorab klären, ob sie bereit sind, konsequent zu bleiben.

Beherzigen Sie das Prinzip: Sachlichkeit bei  negativem Verhalten, dagegen Emotionalität und Aufmerksamkeit, Lob  bei positivem Verhalten. Dies bietet eine Orientierung richtiges Verhalten einzuüben und die Chance tägliche Stresssituationen in der Erziehung zu reduzieren.

Carola Möller

Dipl.-Pädagogin


16.03.2017

„Helikopter-Eltern“


Auszüge aus dem Interview von Herrn Christoph Göbel (Fulda aktuell)

mit Herrn Reinhard Baumann, Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche in Fulda (aus: Fulda aktuell vom 18./19.2.2017)

Es scheint populär, sorgende und behütende Eltern als „Helikopter-Eltern“ (engl. helicopter parents oder paranoid parents) zu bezeichnen. Eine solche Zuschreibung hilft weder den Eltern, die aus ihrer Unsicherheit heraus es mit ihrer Fürsorge übertreiben, noch deren Kindern und Jugendlichen, die deswegen an einer angemessenen Autonomieentwicklung gehindert werden, noch den Pädagoginnen und Pädagogen in Schulen und Kindertagesstätten, die unter Eltern leiden, die ihnen auf die „Pelle“ rücken. Die Frage, wieviel elterliche Sorge, Hilfe und Überwachung ein Kind oder ein Jugendlicher von seinen Eltern braucht, ist nur individuell zu beantworten.

Natürlich gibt es Eltern, deren Erziehungsverhalten von zwanghafter Überbehütung und exzessiver Einmischung in die Angelegenheiten des Kindes oder des Heranwachsenden geprägt ist.

 

Inwiefern „schaden“ Helikopter-Eltern ihren Kindern?

Erziehung hat die wachsende Autonomie des Kindes, die zunehmende Emanzipation von den Eltern und das Erreichen von Mündigkeit und Selbstbestimmung zum Ziel. Die Geburt des Kindes selbst, sein Abstillen, die Aufnahme in den Kindergarten, in die Schule, seine „Verbannung“ aus dem Elternbett usw. sind frühe Schritte auf dem Weg dahin. Auch „Helikopter-Eltern“ formulieren solche Ziele. Sie tun sich allerdings schwerer, ihre Kinder auf diesem Weg loszulassen. Sie ertragen kein Risiko, wollen alles unter Kontrolle halten. Schon früh scheint ihnen der Erfolg ihres Kindes richtungsweisend für sein Leben. Wer allerdings möchte, dass sein Kind eigenverantwortlich handeln lernt, muss sich auch trauen, ein „Verantwortungsvakuum“ zu schaffen, muss auch seinem Kind etwas zutrauen und zumuten. Erst dann kann ein Kind dieses Vakuum mutig mit Eigenverantwortung füllen. Aber auch das Scheitern gehört zum Lernen. Scheitern scheint für „Helikopter-Eltern“ allerdings „Absturz“ zu bedeuten.

Welche Auswirkungen haben diese Eltern auf Kinder?

Eltern, die überbehüten, vermeiden, dass ihre Kinder wertvolle eigene Erfahrungen machen können. Kinder wollen stolz darauf sein, etwas alleine erreicht zu haben. Sie genießen es, eigene kreative Lösungen für ihre Aufgaben zu entwickeln und sie lernen auch aus ihrem gelegentlichen Scheitern.

Die Zeit für ein unverkrampftes und unbelastetes Lernen wird immer kürzer. Bereits im Grundschulalter wird von manchen Eltern der spätere (schulische) Erfolg fokussiert und geplant. So haben dann „Wir“ (Kind und Eltern) eine schlechte Note in der Schule bekommen. Und selbst an den Hochschulen sind heute gemeinsame Veranstaltungen der Erstsemester mit ihren Eltern die Regel.

Übergroßer Ehrgeiz oder Ängste vor dem schulischen Scheitern beeinflussen häufig die tägliche Kommunikation in der Familie negativ. Ein „Genug ist nicht genug“, Gespräche über „Defizitäreres“ bestimmen eher den Alltag, als Lob und Anerkennung. Die Leichtigkeit kindlichen (und elterlichen) Lebens geht und der Selbstwert von Kindern (und Eltern) schwindet.

Ab welchem Alter beginnt normalerweise der „Abnabelungsprozess“ der Kinder von ihren Helikopter-Eltern?

Wie der Begriff selbst es schon ausdrückt, beginnt „Abnabelung“ mit der Geburt. Es ist ein kontinuierlicher Prozess bis hinein in das dritte Lebensjahrzehnt. Sehr deutlich wird das Bedürfnis des Menschen nach Autonomie zuerst mit Beginn des zweiten Lebensjahres. Das Kind entwickelt seinen eigenen Willen und erfährt auch erste Grenzen, wenn es zum Beispiel den Blumentopf trotz der aufregenden Erde darin nicht ausräumen darf. Für das Kind ist die „Entdeckung seines Ichs“ eine einschneidende Erfahrung. Es weiß inzwischen, dass es etwas selbst machen kann, möchte Dinge ausprobieren, auch wenn es allein noch nicht klappt und möchte sich zwischen verschiedenen Möglichkeiten entscheiden können. Kinder braucht nun besonders Lob und Ermutigung, um sich ausprobieren zu können. Das gelingt vielen Eltern noch. Schwieriger wird es noch einmal, wenn mit zwölf oder dreizehn Jahren die Entwicklung Eigenständigkeit und Verselbstständigung des jungen Menschen zum Ziel hat. Jugendliche streben tendenziell in Richtung einer Vergrößerung ihres Handlungs- und Entscheidungsspielraums. Das bedeutet natürlich, dass dies durch eine Verstärkung der persönlichen Verantwortlichkeit erkauft werden muss. Eltern, die es versäumen, hier Verantwortlichkeiten abzugeben, müssen damit rechnen, dass ihre jugendlichen Kinder sich (zu) schnell von ihnen lösen und ihre Autorität nicht mehr anerkennen. Oder, dass ihre Kinder an ihnen klammern und Selbständigkeit vermeiden.

Welche Hilfestellungen für Kinder und Jugendliche gibt es? An wen können sie sich wenden, wenn ihnen die überfürsorglichen Eltern zu viel werden?

Ein Jugendlicher, der sich von seinen Eltern gegängelt und kontrolliert fühlt, kann sich natürlich an seine Lehrer, das Jugendamt oder an eine Beratungsstelle wenden. Von einem Kind, das in starker Abhängigkeit und Kontrolle von seinen (Helikopter-) Eltern lebt, kann man allerdings kaum erwarten, dass es sich an öffentliche Stellen wendet. Hier braucht es Erwachsene, die begleiten.

Haben Sie Ratschläge für Eltern, die ein solches Verhalten bei sich selbst feststellen?

Manchmal sehen die Eltern selbst, dass sie mit ihrer großen Sorge in einer Sackgasse gelandet sind. Oft ist dies der Fall, weil ihre Kinder sich gegen die starke Einflussnahme ihrer Eltern wehren oder weil der familiäre Alltag so stark unter Druck steht, dass ein Familienmitglied Symptome zeigt. Auch hier kann das Aufsuchen einer Beratungsstelle eine wichtige Unterstützung bieten.

Reinhard Baumann

Diplom-Sozialpädagoge


01.03.2017

Tabu psychische Erkrankung – die mehrfache Belastung von Kindern psychisch kranker Eltern


Bricht sich eine Mutter das Bein, wird den Kindern erklärt, dass Mama grade nicht so fit und mobil ist wie sonst; Freunde, Familie und Nachbarn wissen Bescheid und unterstützen die Familie bei Bedarf. Leidet dieselbe Mutter an Depressionen oder einer anderen psychischen Erkrankung, verhält es sich meist anders – statt über die Krankheit, ihre Auswirkungen und ihre Behandlung  zu sprechen, gibt es leider immer noch große Tabuisierungen. Oft wissen weder die Kinder noch das Umfeld Bescheid, wenn ein Elternteil an einer psychischen Krankheit leidet. Hilfestellungen für die Kinder bleiben aus – z.T. mit fatalen Folgen.

Laut Studien weisen ca. 30-60% der Kinder, die mit einem psychisch erkrankten Elternteil aufwachsen, selbst schon im Kindesalter psychische Störungen auf, wenn sie keine präventiven Hilfestellungen erhalten. Und die Zahl der Betroffenen ist groß: Etwa zwei bis drei Millionen Kinder in Deutschland haben mindestens einen Elternteil, der an einer psychischen Erkrankung wie Depression, Schizophrenie, Persönlichkeits- oder Zwangsstörungen leidet.

Die Folgen für diese Kinder sind vielfältig:

  • Der psychisch kranke Elternteil kann sich oft nicht um die Belange der Kinder kümmern und auch wenn ein gesunder Elternteil in der Familie lebt, so sind die Eltern oft zu sehr mit sich, ihrer Partnerschaft und den Auswirkungen der Erkrankung beschäftigt, um den Kindern die nötige Zuwendung, Förderung, Unterstützung und Alltagsstruktur zu geben.
  • Die Kinder fürchten die Stigmatisierung, weshalb sie ihre Eltern lieber vor Gleichaltrigen „verstecken“ und sich selbst isolieren.
  • Mit erwachsenen Bezugspersonen wird oft nicht gesprochen, da die Kinder die Tabus übernehmen und Angst haben, die Eltern zu verraten.
  • Führen Konflikte zwischen den Eltern zur Trennung, stehen Kinder im verschärften Loyalitätskonflikt, sich zwischen dem „kranken“ und dem „gesunden“ Elternteil entscheiden zu müssen.
  • Die Kinder übernehmen Aufgaben der Eltern oder gar die Elternrolle gegenüber jüngeren Geschwistern, sie wirken sehr verantwortungsvoll, doch sie sind überfordert und können sich nicht ihren altersgemäßen Entwicklungsaufgaben stellen.
  • Dazu kommen Ängste – vor dem Elternteil (wenn dieser z.B. unter Wahnvorstellungen leidet), um das Elternteil (wenn Suizid befürchtet wird) oder vor einer möglichen eigenen Erkrankung.
  • Ohne Informationen über die Erkrankung der Eltern, entwickeln sie häufig fehlerhafte Erklärungsmuster und Schuldgefühle.

Die Kinder zeigen mehr oder weniger deutliche Belastungsanzeichen wie Niedergeschlagenheit, Schulunlust, Konzentrationsschwierigkeiten, Rückzug von Freunden oder Aggressionen. Wichtig ist: Den Kindern kann geholfen werden! Ein offener Umgang mit der Erkrankung, das Vorhandensein bedeutsamer Dritter als Bezugspersonen und klare Verantwortlichkeiten sind wichtige Bestandteile der Präventionsarbeit mit Kindern psychisch kranker Eltern. Professionelle Unterstützung, Beratung und Betreuung können hier sehr wichtig sein, um die ganze Familie dabei zu unterstützen, mit der großen Belastung umzugehen, die richtigen Worte zu finden und die Bedürfnisse aller Familienmitglieder im Blick zu behalten.

Verena Febres Mendoza

Dipl.-Psychologin


06.01.2017

„Always on“ Medienpädagogische Infos für Eltern


Die Lebenswelten von Kindern, Jugendlichen und ihren Eltern haben sich durch die Nutzung von Smartphones und des mobilen Internets in wenigen Jahren stark gewandelt. „Always on“ ist die Devise Vieler, denn das Smartphone ist zu jeder Zeit und an jedem Ort nutzbar. Eine Untersuchung zum Medienumgang Jugendlicher in Deutschland1 weist nach, dass fast alle 12- bis 19-Jährigen (97 %) mit einem Mobiltelefon ausgestattet sind; 95 Prozent verfügen über ein Smartphone. Und fast ebenso viele junge Menschen können über eine Internetflatrate Onlinedienste nutzen. Der Run auf das Medium wird von der Wirtschaft zum Anlass genommen, umfassend Zugriff auf unsere Daten zu nehmen, um diese gewinnbringend zu vermarkten. Konsumenten stehen u. a. vor den Fragen:

  • Wieviel Zeit verwende ich für die Nutzung digitaler Medien?
  • Wieviel Erreichbarkeit wird erwartet und was passiert, wenn ich mich dem „Onlinezugriff“ verweigere?
  • Wie können wir unsere Persönlichkeitsrechte durch den kaum zu kontrollierenden Datenzugriff im Netz zukünftig sichern?
  • Wie und mit welchen Folgen verändern sich unser soziales Leben und die menschliche Kommunikation?

Die Befürchtung, nicht immer und überall erreichbar zu sein („Fear of missing out“), bedeutet auch für Kinder und Jugendliche reiner Stress. Die Angst, etwas zu verpassen, ist häufig der Grund, warum Kinder und Jugendliche so exzessiv und auch risikobereit das Smartphone verwenden. Eltern und Erzieher wissen oft nicht, was Kinder und Jugendliche überhaupt im Netz machen und welche der vielen Nutzungsoptionen für sie relevant sind. Und sie beklagen, dass junge Menschen scheinbar keinerlei Interessen an nicht-medialen Freizeitaktivitäten mehr haben.

Die oben genannte Untersuchung belegt allerdings auch, dass sich die Zahl derjenigen Jugendlichen, die sich täglich oder mehrmals pro Woche „mit Freunden/Leuten“ treffen, in den letzten Jahren nur geringfügig gesunken ist (2016: 73 %; 2005: 78 %). „Sport treiben“ immerhin noch 69 Prozent, 35 Prozent geben an, täglich/mehrmals in der Woche etwas mit ihrer Familie zu unternehmen. Überraschender Weise hat sich diese Zahl seit 2005 verdoppelt. Zwei von fünf Jugendlichen (38 %) lesen regelmäßig Bücher, bei den Mädchen sind es fast die Hälfte (46 %). Natürlich werden bei diesen Freizeitaktivitäten oft auch elektronische Medien parallel genutzt.

Bei Eltern herrscht Verunsicherung darüber, welche medienpädagogische Verantwortung ihnen zukommt und wie sie dieser gegenüber ihren Kindern gerecht werden können. Nicht selten befürchten Eltern eine „Medienabhängigkeit“ ihrer Kinder. Die Mehrzahl der Jugendlichen können allerdings mit Computer, Handy und Internet selbstbestimmt und angemessen umgehen. Nur ein kleiner Teil der Nutzer entwickelt psychische Auffälligkeiten: Ein soziales Leben findet dann kaum noch statt, regelmäßige Ernährung und Körperpflege werden eingestellt und Schule oder Arbeit werden vernachlässigt.

Was allerdings auch passieren kann, wenn Kinder und Jugendliche nicht gut aufgeklärt sind, haben die Forscher der Studie „Always on!“2 herausgestellt. Einige Jugendliche mussten Erfahrungen mit Cybermobbing (11 %), Missbrauch eigener Daten (42 %), extrem hohen Kosten (24 %), Nachrichten von fremden Personen (27 %) machen oder gaben an, auf nicht jugendfreien Seiten (21 %) gesurft zu haben.

Was können Eltern tun?

Medienkompetenz erlernen Kinder und Jugendliche nur durch „Beziehung“. Sie brauchen Eltern, die sich für das interessieren, was ihre Kinder interessiert („Zeig mir mal, was du da spielst?“), die bereit sind, mit ihren Kindern darüber zu sprechen, die sich trauen, regelnd einzugreifen und auch mal zu streiten, wo es notwendig ist. Kein Computerspiel an sich macht süchtig. Sucht findet dort einen Nährboden, wo Kinder und Jugendlichen keine erwachsenen Gegenüber haben, wo sie keine Bindung und Verbindlichkeit erfahren.

Ein paar Tipps:

  1. Erkennen Sie Medien als wichtigen Teil der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen an.
  2. Begleiten Sie Ihr Kind aktiv auf seinem Weg zur kompetenten Mediennutzung.
  3. Sehen Sie sich in Ihrer Mediennutzung als Vorbild für Ihr Kind.
  4. Lassen Sie sich die Lieblingsseiten oder Lieblingsspiele Ihres Kindes zeigen.
  5. Handeln Sie mit Ihrem Kind Regeln für seine Mediennutzung aus (nicht die tägliche Dauer, sondern die Nutzungszeit von X Uhr bis Y Uhr) und sehen Sie dabei Altersangaben von Spielen und Filmen als verbindlich an.
  6. Verlangen Sie, dass das Handy beim Essen ausgeschaltes ist oder auf lautlos gestellt wird.
  7. Sprechen Sie mit Ihrem Kind über die rechtlichen Grundlagen wie z. B. Datenschutz und Urheberrecht und die Gefahren bei der Weitergabe persönlicher Daten wie z. B. Adressen, Telefonnummern, hochgeladen Fotos.
  8. Wenn Ihr Kind im Netz mit Konfliktsituationen konfrontiert wird – unabhängig davon, ob es von einem Mobbing-Fall mitbekommt oder selbst daran beteiligt ist – entscheiden Sie niemals über den Kopf Ihres Kindes. Befähigen Sie Ihr Kind vielmehr, selbst etwas zu tun und werden Sie nur in Rücksprache mit Ihrem Sohn oder Ihrer Tochter aktiv.
  9. Persönliche Nachrichten auf Handy, Tablet oder PC, die von Ihrem oder für Ihr Kind verfasst wurden, sind für Eltern „tabu“. Wenn Sie Grund zur Sorge haben, bitten Sie Ihr Kind, Ihnen die Nachrichten zu zeigen.
  10. Wenn sich Ihr Kind über einen längeren Zeitraum sozial isoliert, den Schulbesuch vermeidet, Dinge des Alltages stark vernachlässigt und dies mit einer intensiver Mediennutzung einher geht, sollten Sie eine entsprechende Beratungsstelle aufsuchen.

In welchem Alter sollte ein Kind/Jugendlicher ein eigenes Handy besitzen?

Ein eigenes Handy sollten Kinder ab ca. 10 Jahren haben dürfen. Das braucht nicht über einen Internetzugang verfügen. Oder passen Sie zumindest die Sicherheitseinstellungen entsprechend an und spielen Sie Jugendschutz-Apps auf. Ein sogenannter Prepaid-Tarif ist empfehlenswert: Die monatliche Grundgebühr entfällt und Kinder bekommen ein Gefühl fürs Geld. Jugendliche können durchaus die „abgelegten“ Mobilfunkgeräte ihrer Eltern nutzen. Und wenn Ihr Sohn oder Ihre Tochter klagt, dass alle anderen ein besseres Handy besitzen, halten Sie das aus. Es durften übrigens auch früher alle anderen länger aufbleiben, länger ausgehen, bekamen mehr Taschengeld usw.

Wo kann ich mich zum Thema „Sicherheit im Netz“ informieren?3

  • chatten-ohne risiko.net – Sicherheitstests und Bewertungen von Sozialen Netzwerken, Chat-Atlas
  • handysektor.de – Infos zu Apps, Smartphones und Tablets
  • internet-abc.de – Ratgeber und Lernplattform über das Internet
  • jugendschutz.net – Infos und Materialien zu aktuellen Problemfeldern im Internet
  • klicksafe.de – Aktuelles zu Sicherheit und Entwicklung im Internet
  • schau-hin.info – Hilfen zur Medienerziehung
  • surfen-ohne-sisiko.net – Technische Hilfen, interaktive Spiele

 

 Wo finde ich im Netz gute Seiten für Kinder?3

  • meine-startseite.de – Eigene Startseite gestalten mit Videos, Spielen und Kindernachrichten
  • klick-tipps.net – Wöchentlich empfehlenswerte Kinderseiten zu aktuellen Themen
  • blinde-kuh.de – Findet alles, was Kinder wissen wollen
  • fragfinn.de – Suchmaschine und Link-Tipps von Raupe Finn
  • seitenstark.de – Über 60 anspruchsvolle, sichere Kinderseiten zu spannenden Themen

 

 

Reinhard Baumann

Dipl.-Sozialpädagoge

Erziehungs- und Familienberater

 

1 JIM-Studie 2016, Jugend, Information und (Multi) Media; Hrsg: Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (mpfs3), Stuttgart
2 Studie „Always on!“ Hrsg: Dr. Karin Knop, Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM), 2015
3 Broschüre „Sicher im Netz“; Hrsg: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 2016

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