Nachrichten

16.06.2017

Das Wechselmodell


Ein (un-)mögliches Betreuungskonzept für Kinder nach einer Trennung?

Nachdem ein Vater Rechtsbeschwerde eingelegt hatte, entschied der Bundesgerichtshof, dass Familiengerichte zukünftig ein Wechselmodell anordnen dürfen.

Ein „paritätisches Wechselmodell“ liegt vor, wenn die Betreuungsleistung gleich (50:50) aufgeteilt ist. Aber auch, wenn die Betreuung bis zu 10 Prozent vom rechnerischen Mittelwert abweicht, liegt noch ein Wechselmodell vor. Von einem „Residenzmodell“ spricht man, wenn das Kind seinen Lebensmittelpunkt bei einem Elternteil hat und einen regelmäßigen Umgang mit dem anderen (ab 70:30).

Keines der Modelle stellt ein gesetzliches Leitbild dar. Auch die Frage, wie Eltern bei einem Residenzmodell den Umgang ihres Kindes mit dem anderen Elternteil organisieren, bleibt ihnen selbst überlassen. Eltern sind in ihren Entscheidungen einzig an das Wohl ihrer Kinder gebunden.

Die Mehrzahl der von Trennung und Scheidung betroffener Kinder lebt in Deutschland in einem Residenzmodell. Zunehmend entscheiden sich jedoch Eltern für ein paritätisches Wechselmodell. Die Initiative dabei geht oft von den Vätern aus. Es gibt Länder, da legt das Recht die paritätische Betreuung der Kinder als Regelbetreuungsmodell fest (z. B. Belgien seit 2006). In Staaten wie Schweden, Norwegen und Frankreich ist ein paritätisches Wechselmodell verbreitet.

Das Wechselmodell kann gleichsam das beste und das schlechteste Modell für ein Kind sein. Das Betreuungsmodell selbst steht in keinem Zusammenhang mit dem Wohlbefinden eines Kindes. Nicht die Quantität der Kontakte mit einem Elternteil bestimmt sein Wohlbefinden, sondern deren Qualität. Wenn Eltern ihre Konflikte gut miteinander regulieren, ist das Wechselmodell für die betroffenen Kinder ein gutes Modell. Wenn Eltern allerdings häufig streiten, kann das für ein Kind belastender sein, als ein Beziehungsabbruch zu einem Elternteil. Kinder im Säuglingsalter und ältere Kinder/Jugendliche sind eher durch ein Wechselmodell belastet. Pflichtbewusste Kinder, die in der Lage sind, ihre Aufgaben selbständig zu regeln, können von dem Modell profitieren. Das Wechselmodell setzt eine doppelte Ausstattung der Kinder voraus.

Wie kommen Eltern zu einer guten Entscheidung?

Eltern, die sich trennen, sollten sich nicht von vornherein auf ein Betreuungskonzept festlegen. Besser ist es, lösungsoffen miteinander das Gespräch aufzunehmen, ehrlich die Situation der Familie zu analysieren, auszuprobieren und zu sehen, was funktioniert. Jeder Plan kann sich entwickeln und darf verändert werden. Es ist gut, das Kind mit zunehmendem Alter mehr daran zu beteiligen.

Reinhard Baumann

Dipl.-Sozialpädagoge


23.05.2017

Jungen erziehen? Wunderbar!


Michel aus Lönneberga muss wieder in den Schuppen, Zappelphilipp mit dem Ärger und der Enttäuschung der Eltern klar kommen und wie wir alle wissen, geht die Erzählung von Max und Moritz ebenfalls schlimm aus.

In allen drei Geschichten sind es Jungen, die sich nicht angemessen benehmen und deshalb mächtig Ärger bekommen, was die Vermutung nahelegt, Jungen seien schwerer erziehbar als Mädchen. Neben Eltern unterliegen auch pädagogische Fachkräfte oft der irrigen Annahme, der Umgang mit Jungen sei schwerer als der mit Mädchen.

Jungen sind wunderbar lebendig, kreativ und immer für eine Überraschung gut. Man muss ihre Verhaltensweisen nur richtig verstehen und einordnen.

  • Jungen tragen ihre Konflikte und ihre Konkurrenz untereinander gerne mit „Kämpfchen“ aus, rangeln und raufen deshalb miteinander. Sie lernen dabei, an welcher Stelle es sich lohnt, sich zu behaupten oder auch einmal zurückzustecken, also Kompromisse einzugehen, Regeln festzulegen und die eigenen aber auch die Grenzen der anderen auszuloten. Eltern sollten in erster Linie dafür sorgen, dass Gewalt vermieden wird andererseits den Kindern zutrauen, dass sie eigene Regeln festlegen – schließlich wollen diese sich gegenseitig nicht ernsthaft verletzen.
  • Neurobiologen wissen, dass sich männliche und weibliche Gehirne deutlich unterscheiden. Ein bekannter Erklärungsversuch liegt in der Evolutionstheorie, Frauen waren eher für die Erziehung und Pflege der Kinder zuständig; entwickelten deshalb zum Beispiel stärker soziale und emotionale Fähigkeiten. Männer hingegen sorgten sich um die Beschaffung der Nahrung und der Abwehr von Gefahren, etablierten deshalb Fähigkeiten, mit Konflikten und Konkurrenz umzugehen. Wenn Eltern ihren Söhnen vermitteln, dass deren Gefühle und Impulse richtig sind, tragen sie dazu bei, Jungen zu selbstbewussten, feinfühligen und starken Männern zu erziehen.
  • Im Kindergarten und spätestens bei der Einschulung wird vielen Jungen ihr natürlicher Bewegungsimpuls zum Verhängnis, dort treffen sie häufig auf wenig Verständnis und viel Kritik. „Stillsitzen müssen“ führt dann schnell zu Motivationsverlust und Schulunlust mit den bekannten Konsequenzen. Konzepte, bei denen Jungen „bewegt“ lernen dürfen, steigern deren Leistungs- und Sozialverhalten. Bei den Hausaufgaben helfen Bewegungspausen.
  • Sätze wie „Jungen haben es in unserem Bildungssystem schwer“ oder „Jungen sind schwerer erziehbar“ sind falsch. Damit diese Prophezeiung keine wird, die sich selbst erfüllt, sollten Eltern ihren Söhnen einfach zutrauen, sich positiv zu entwickeln und ihren individuellen Weg der Entwicklung zu finden.
  • Studien widerlegen übrigens den Mythos, Jungen würden sich schulisch negativ entwickeln, sollten sie hauptsächlich von weiblichen Pädagogen unterrichtet werden. Es gibt keinen Unterschied zwischen den Leistungen männlicher Grundschüler, die von Frauen und jenen, die von Männern unterrichtet werden.
  • Jungen sind „Macher“, brauchen keine Gebrauchsanweisung, wollen ausprobieren und analysieren anhand des Ergebnisses, welche Handlungsschritte notwendig sind, um ein passables Resultat zu bekommen. Da wird munter drauflos gewerkelt, um am Ende motiviert festzustellen: “Jetzt weiß ich, wie es geht.“

Kirsten Hückel-Dege

Diplom-Sozialpädagogin


06.04.2017

Erziehung von Anfang an: Kein Stress mit Regeln


Eltern erziehen zunächst intuitiv, da Babys noch ganz von ihren Bedürfnissen bestimmt sind. Die Erfüllung der Bedürfnisse darf noch nicht auf die lange Bank geschoben werden.

Bis dahin haben strikte Verbote, Maßnahmen und Regeln nichts im Miteinander mit dem Baby zu suchen. Erziehung ist viel mehr Beziehungsarbeit mit dem Ziel eines guten Miteinanders. Dass dies auch sehr anstrengend sein kann, steht außer Frage – aber der Einsatz lohnt sich; umso besser das Miteinander zwischen Eltern und Kind funktioniert, umso besser wird auch später ein Kind spüren, was die Eltern von ihm wollen und Regeln einhalten.

Eine besondere Bedeutung haben anfangs auch Alltagsstruktur und Rituale, die dem Baby helfen, sich unserem Alltag anzupassen. So lernt es z.B. den Tag/Nachtrhythmus, indem wir das Licht dimmen, leise sprechen und ein Nachtlied vorsingen. Rituale erleichtern Kindern, Regeln später selbstverständlicher einzuhalten. Dies geschieht ohne viele Worte – ganz natürlich.

Von bewusster Erziehung, verbunden mit Grenzen setzen, kann man mit beginnender Mobilität ab ca. dem 8. Lebensmonat sprechen.

Babys beginnen die Nase von der Brille zu ziehen, zur Steckdose zu krabbeln oder aus dem Blumentopf die Erde zu buddeln. Eltern müssen Grenzen setzen – was ist dazu zu wissen:

  • Mit „Nein“ und Verboten sollte man sparsam umgehen, denn ein „Nein“ verstehen Kleinkinder erst ab 1 – 1 ½ Jahren.
  • Auf Grund unseres Tonfalls verstehen Babys vielleicht schon, dass sie z.B. nicht zu diesem Blumentopf krabbeln sollen, können jedoch noch keine Transferleistung vollbringen, nämlich, dass auch aus keinem anderen Blumentopf Erde gebuddelt werden darf.
  • Trotzdem ist ein kurzes Nein in dieser Situation angemessen. Das Baby soll ja im Laufe der Zeit die Bedeutung von einem Nein erlernen.
  • Legitim ist, die Aufmerksamkeit eines Babys auf einen anderen Gegenstand zu richten und es abzulenken. Bei einem Baby gilt noch: Aus den Augen – aus dem Sinn. Eine kindersichere Wohnung, wertvolle Gegenstände aus Babys Reichweite zu räumen, erleichtert den Alltag und reduziert das nervige Grenzen setzen und Verbote aussprechen.
  • Beherzigen Sie auch jetzt schon: Möglichst wenig Aufmerksamkeit nicht erwünschtem Verhalten – viel Aufmerksamkeit gegenüber positivem Verhalten.
  • Bleiben Sie ruhig und sachlich und unterstützen Sie ein „Nein“ immer auch mit ernstem Gesicht und entsprechender Mimik und Gestik. So wird Ihr Baby im Laufe der Zeit lernen, dass Sie es mit dem Verbot ernst meinen.
  • Kritisieren Sie ein Verhalten, nicht die Person. So kann man zu einem Baby sagen, das der Mama die Brille von der Nase zieht: Ich verstehe ja, dass dich die Brille interessiert, aber ich will das nicht. Und nehmen die Brille wieder zurück.
  • Für Babys wäre es besonders schlimm, beschimpft zu werden, etwas in der Form: Du schlimmes Kind, du machst mich vollkommen fertig! Babys sind noch in einer engen Symbiose mit den Eltern und beziehen Beschimpfungen unmittelbar auf sich.

Im Alter von 1 -5 Jahren müssen Kinder zunehmend lernen, dass ihre Bedürfnisse nach Aufmerksamkeit und Nähe nicht mehr unmittelbar erfüllt werden. Das zunehmende Sprach- und Weltverständnis der Kinder hilft ihnen dabei, Regeln auch verstehen zu können.

Weiterhin sollte uns bewusst sein, dass das Verhalten der Erwachsenen genau beobachtet und auch kopiert wird – im Positiven wie im Negativen.

Hinzu kommt in dieser Altersspanne die Entwicklung des eigenen Willens, so dass Kinder immer wieder auszuprobieren versuchen, was passiert, wenn es einer Regel nicht nachkommt und Grenzen überschreitet. Das ist zwar anstrengend aber auch eher normal.

Folgende Ideen könnten in schwierigen Situationen hilfreich sein.

  • Bleiben Sie freundlich und sachlich!
  • Verlangen Sie von Ihrem Kind nur das, was es altersgemäß auch leisten kann. Hat ein 2-jähriges Kind in seinem Zimmer viel Unordnung angerichtet, so ist es mit dem Aufräumen des ganzen Zimmers überfordert – es kann aber z.B. die Bausteine wegräumen.
  • Nehmen Sie sich Zeit, wenn Sie feststellen, dass Ihr Kind einer Aufforderung nicht nachkommt – gehen Sie zu Ihrem Kind.
  • Keine Wunschformulierungen, wenn Sie etwas von Ihrem Kind wollen. Reden Sie in der Ich – Form und auf Augenhöhe mit dem Kind: Ich möchte jetzt, dass Du den Löffel vom Boden aufhebst!
  • Gekonntes Schweigen erhöht den Druck, so dass Ihr Kind einer Aufforderung nachkommt.
  • Unser Alltag ist strukturiert und besteht zu genüge aus Regeln, deshalb gilt: Grenzen wo nötig – so wenig wie möglich.
  • Es dauert oft lange, bis sich Kinder Antworten und Reaktionen ihrer Eltern in bestimmten Situationen einprägen und verinnerlichen; Lernprozesse, welcher Art auch immer, erfordern Deutlichkeit und ständige Wiederholungen, auch wenn dies sehr anstrengend ist.

Grundsätzlich gilt: Von einem Kind kann man nur das erwarten, was es seinem Entwicklungsstand nach leisten kann. Regeln müssen also dem Alter und Entwicklungsstand eines Kindes gerecht werden. Die Regeln, die jetzt gelten, wie zu Bett Geh Zeiten haben vielleicht schon bald keine Gültigkeit mehr.

Eltern geben den Rahmen und Regeln vor. Werden diese nicht eingehalten, müssen unmittelbar Konsequenzen erfolgen, am Besten solche, die sich aus der Situation ergeben: Wer abends das Schlafengehen immer wieder hinauszögert, kann keine Geschichte mehr vorgelesen bekommen – weil es sonst zu spät wird. Solche Konsequenzen verstehen Kinder am besten.

Um für Kinder glaubhaft zu sein, gilt: Wenn ich Nein sage, dann muss es auch dabei bleiben. Eltern müssen für sich im Vorab klären, ob sie bereit sind, konsequent zu bleiben.

Beherzigen Sie das Prinzip: Sachlichkeit bei  negativem Verhalten, dagegen Emotionalität und Aufmerksamkeit, Lob  bei positivem Verhalten. Dies bietet eine Orientierung richtiges Verhalten einzuüben und die Chance tägliche Stresssituationen in der Erziehung zu reduzieren.

Carola Möller

Dipl.-Pädagogin


16.03.2017

„Helikopter-Eltern“


Auszüge aus dem Interview von Herrn Christoph Göbel (Fulda aktuell)

mit Herrn Reinhard Baumann, Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche in Fulda (aus: Fulda aktuell vom 18./19.2.2017)

Es scheint populär, sorgende und behütende Eltern als „Helikopter-Eltern“ (engl. helicopter parents oder paranoid parents) zu bezeichnen. Eine solche Zuschreibung hilft weder den Eltern, die aus ihrer Unsicherheit heraus es mit ihrer Fürsorge übertreiben, noch deren Kindern und Jugendlichen, die deswegen an einer angemessenen Autonomieentwicklung gehindert werden, noch den Pädagoginnen und Pädagogen in Schulen und Kindertagesstätten, die unter Eltern leiden, die ihnen auf die „Pelle“ rücken. Die Frage, wieviel elterliche Sorge, Hilfe und Überwachung ein Kind oder ein Jugendlicher von seinen Eltern braucht, ist nur individuell zu beantworten.

Natürlich gibt es Eltern, deren Erziehungsverhalten von zwanghafter Überbehütung und exzessiver Einmischung in die Angelegenheiten des Kindes oder des Heranwachsenden geprägt ist.

 

Inwiefern „schaden“ Helikopter-Eltern ihren Kindern?

Erziehung hat die wachsende Autonomie des Kindes, die zunehmende Emanzipation von den Eltern und das Erreichen von Mündigkeit und Selbstbestimmung zum Ziel. Die Geburt des Kindes selbst, sein Abstillen, die Aufnahme in den Kindergarten, in die Schule, seine „Verbannung“ aus dem Elternbett usw. sind frühe Schritte auf dem Weg dahin. Auch „Helikopter-Eltern“ formulieren solche Ziele. Sie tun sich allerdings schwerer, ihre Kinder auf diesem Weg loszulassen. Sie ertragen kein Risiko, wollen alles unter Kontrolle halten. Schon früh scheint ihnen der Erfolg ihres Kindes richtungsweisend für sein Leben. Wer allerdings möchte, dass sein Kind eigenverantwortlich handeln lernt, muss sich auch trauen, ein „Verantwortungsvakuum“ zu schaffen, muss auch seinem Kind etwas zutrauen und zumuten. Erst dann kann ein Kind dieses Vakuum mutig mit Eigenverantwortung füllen. Aber auch das Scheitern gehört zum Lernen. Scheitern scheint für „Helikopter-Eltern“ allerdings „Absturz“ zu bedeuten.

Welche Auswirkungen haben diese Eltern auf Kinder?

Eltern, die überbehüten, vermeiden, dass ihre Kinder wertvolle eigene Erfahrungen machen können. Kinder wollen stolz darauf sein, etwas alleine erreicht zu haben. Sie genießen es, eigene kreative Lösungen für ihre Aufgaben zu entwickeln und sie lernen auch aus ihrem gelegentlichen Scheitern.

Die Zeit für ein unverkrampftes und unbelastetes Lernen wird immer kürzer. Bereits im Grundschulalter wird von manchen Eltern der spätere (schulische) Erfolg fokussiert und geplant. So haben dann „Wir“ (Kind und Eltern) eine schlechte Note in der Schule bekommen. Und selbst an den Hochschulen sind heute gemeinsame Veranstaltungen der Erstsemester mit ihren Eltern die Regel.

Übergroßer Ehrgeiz oder Ängste vor dem schulischen Scheitern beeinflussen häufig die tägliche Kommunikation in der Familie negativ. Ein „Genug ist nicht genug“, Gespräche über „Defizitäreres“ bestimmen eher den Alltag, als Lob und Anerkennung. Die Leichtigkeit kindlichen (und elterlichen) Lebens geht und der Selbstwert von Kindern (und Eltern) schwindet.

Ab welchem Alter beginnt normalerweise der „Abnabelungsprozess“ der Kinder von ihren Helikopter-Eltern?

Wie der Begriff selbst es schon ausdrückt, beginnt „Abnabelung“ mit der Geburt. Es ist ein kontinuierlicher Prozess bis hinein in das dritte Lebensjahrzehnt. Sehr deutlich wird das Bedürfnis des Menschen nach Autonomie zuerst mit Beginn des zweiten Lebensjahres. Das Kind entwickelt seinen eigenen Willen und erfährt auch erste Grenzen, wenn es zum Beispiel den Blumentopf trotz der aufregenden Erde darin nicht ausräumen darf. Für das Kind ist die „Entdeckung seines Ichs“ eine einschneidende Erfahrung. Es weiß inzwischen, dass es etwas selbst machen kann, möchte Dinge ausprobieren, auch wenn es allein noch nicht klappt und möchte sich zwischen verschiedenen Möglichkeiten entscheiden können. Kinder braucht nun besonders Lob und Ermutigung, um sich ausprobieren zu können. Das gelingt vielen Eltern noch. Schwieriger wird es noch einmal, wenn mit zwölf oder dreizehn Jahren die Entwicklung Eigenständigkeit und Verselbstständigung des jungen Menschen zum Ziel hat. Jugendliche streben tendenziell in Richtung einer Vergrößerung ihres Handlungs- und Entscheidungsspielraums. Das bedeutet natürlich, dass dies durch eine Verstärkung der persönlichen Verantwortlichkeit erkauft werden muss. Eltern, die es versäumen, hier Verantwortlichkeiten abzugeben, müssen damit rechnen, dass ihre jugendlichen Kinder sich (zu) schnell von ihnen lösen und ihre Autorität nicht mehr anerkennen. Oder, dass ihre Kinder an ihnen klammern und Selbständigkeit vermeiden.

Welche Hilfestellungen für Kinder und Jugendliche gibt es? An wen können sie sich wenden, wenn ihnen die überfürsorglichen Eltern zu viel werden?

Ein Jugendlicher, der sich von seinen Eltern gegängelt und kontrolliert fühlt, kann sich natürlich an seine Lehrer, das Jugendamt oder an eine Beratungsstelle wenden. Von einem Kind, das in starker Abhängigkeit und Kontrolle von seinen (Helikopter-) Eltern lebt, kann man allerdings kaum erwarten, dass es sich an öffentliche Stellen wendet. Hier braucht es Erwachsene, die begleiten.

Haben Sie Ratschläge für Eltern, die ein solches Verhalten bei sich selbst feststellen?

Manchmal sehen die Eltern selbst, dass sie mit ihrer großen Sorge in einer Sackgasse gelandet sind. Oft ist dies der Fall, weil ihre Kinder sich gegen die starke Einflussnahme ihrer Eltern wehren oder weil der familiäre Alltag so stark unter Druck steht, dass ein Familienmitglied Symptome zeigt. Auch hier kann das Aufsuchen einer Beratungsstelle eine wichtige Unterstützung bieten.

Reinhard Baumann

Diplom-Sozialpädagoge


01.03.2017

Tabu psychische Erkrankung – die mehrfache Belastung von Kindern psychisch kranker Eltern


Bricht sich eine Mutter das Bein, wird den Kindern erklärt, dass Mama grade nicht so fit und mobil ist wie sonst; Freunde, Familie und Nachbarn wissen Bescheid und unterstützen die Familie bei Bedarf. Leidet dieselbe Mutter an Depressionen oder einer anderen psychischen Erkrankung, verhält es sich meist anders – statt über die Krankheit, ihre Auswirkungen und ihre Behandlung  zu sprechen, gibt es leider immer noch große Tabuisierungen. Oft wissen weder die Kinder noch das Umfeld Bescheid, wenn ein Elternteil an einer psychischen Krankheit leidet. Hilfestellungen für die Kinder bleiben aus – z.T. mit fatalen Folgen.

Laut Studien weisen ca. 30-60% der Kinder, die mit einem psychisch erkrankten Elternteil aufwachsen, selbst schon im Kindesalter psychische Störungen auf, wenn sie keine präventiven Hilfestellungen erhalten. Und die Zahl der Betroffenen ist groß: Etwa zwei bis drei Millionen Kinder in Deutschland haben mindestens einen Elternteil, der an einer psychischen Erkrankung wie Depression, Schizophrenie, Persönlichkeits- oder Zwangsstörungen leidet.

Die Folgen für diese Kinder sind vielfältig:

  • Der psychisch kranke Elternteil kann sich oft nicht um die Belange der Kinder kümmern und auch wenn ein gesunder Elternteil in der Familie lebt, so sind die Eltern oft zu sehr mit sich, ihrer Partnerschaft und den Auswirkungen der Erkrankung beschäftigt, um den Kindern die nötige Zuwendung, Förderung, Unterstützung und Alltagsstruktur zu geben.
  • Die Kinder fürchten die Stigmatisierung, weshalb sie ihre Eltern lieber vor Gleichaltrigen „verstecken“ und sich selbst isolieren.
  • Mit erwachsenen Bezugspersonen wird oft nicht gesprochen, da die Kinder die Tabus übernehmen und Angst haben, die Eltern zu verraten.
  • Führen Konflikte zwischen den Eltern zur Trennung, stehen Kinder im verschärften Loyalitätskonflikt, sich zwischen dem „kranken“ und dem „gesunden“ Elternteil entscheiden zu müssen.
  • Die Kinder übernehmen Aufgaben der Eltern oder gar die Elternrolle gegenüber jüngeren Geschwistern, sie wirken sehr verantwortungsvoll, doch sie sind überfordert und können sich nicht ihren altersgemäßen Entwicklungsaufgaben stellen.
  • Dazu kommen Ängste – vor dem Elternteil (wenn dieser z.B. unter Wahnvorstellungen leidet), um das Elternteil (wenn Suizid befürchtet wird) oder vor einer möglichen eigenen Erkrankung.
  • Ohne Informationen über die Erkrankung der Eltern, entwickeln sie häufig fehlerhafte Erklärungsmuster und Schuldgefühle.

Die Kinder zeigen mehr oder weniger deutliche Belastungsanzeichen wie Niedergeschlagenheit, Schulunlust, Konzentrationsschwierigkeiten, Rückzug von Freunden oder Aggressionen. Wichtig ist: Den Kindern kann geholfen werden! Ein offener Umgang mit der Erkrankung, das Vorhandensein bedeutsamer Dritter als Bezugspersonen und klare Verantwortlichkeiten sind wichtige Bestandteile der Präventionsarbeit mit Kindern psychisch kranker Eltern. Professionelle Unterstützung, Beratung und Betreuung können hier sehr wichtig sein, um die ganze Familie dabei zu unterstützen, mit der großen Belastung umzugehen, die richtigen Worte zu finden und die Bedürfnisse aller Familienmitglieder im Blick zu behalten.

Verena Febres Mendoza

Dipl.-Psychologin


06.01.2017

„Always on“ Medienpädagogische Infos für Eltern


Die Lebenswelten von Kindern, Jugendlichen und ihren Eltern haben sich durch die Nutzung von Smartphones und des mobilen Internets in wenigen Jahren stark gewandelt. „Always on“ ist die Devise Vieler, denn das Smartphone ist zu jeder Zeit und an jedem Ort nutzbar. Eine Untersuchung zum Medienumgang Jugendlicher in Deutschland1 weist nach, dass fast alle 12- bis 19-Jährigen (97 %) mit einem Mobiltelefon ausgestattet sind; 95 Prozent verfügen über ein Smartphone. Und fast ebenso viele junge Menschen können über eine Internetflatrate Onlinedienste nutzen. Der Run auf das Medium wird von der Wirtschaft zum Anlass genommen, umfassend Zugriff auf unsere Daten zu nehmen, um diese gewinnbringend zu vermarkten. Konsumenten stehen u. a. vor den Fragen:

  • Wieviel Zeit verwende ich für die Nutzung digitaler Medien?
  • Wieviel Erreichbarkeit wird erwartet und was passiert, wenn ich mich dem „Onlinezugriff“ verweigere?
  • Wie können wir unsere Persönlichkeitsrechte durch den kaum zu kontrollierenden Datenzugriff im Netz zukünftig sichern?
  • Wie und mit welchen Folgen verändern sich unser soziales Leben und die menschliche Kommunikation?

Die Befürchtung, nicht immer und überall erreichbar zu sein („Fear of missing out“), bedeutet auch für Kinder und Jugendliche reiner Stress. Die Angst, etwas zu verpassen, ist häufig der Grund, warum Kinder und Jugendliche so exzessiv und auch risikobereit das Smartphone verwenden. Eltern und Erzieher wissen oft nicht, was Kinder und Jugendliche überhaupt im Netz machen und welche der vielen Nutzungsoptionen für sie relevant sind. Und sie beklagen, dass junge Menschen scheinbar keinerlei Interessen an nicht-medialen Freizeitaktivitäten mehr haben.

Die oben genannte Untersuchung belegt allerdings auch, dass sich die Zahl derjenigen Jugendlichen, die sich täglich oder mehrmals pro Woche „mit Freunden/Leuten“ treffen, in den letzten Jahren nur geringfügig gesunken ist (2016: 73 %; 2005: 78 %). „Sport treiben“ immerhin noch 69 Prozent, 35 Prozent geben an, täglich/mehrmals in der Woche etwas mit ihrer Familie zu unternehmen. Überraschender Weise hat sich diese Zahl seit 2005 verdoppelt. Zwei von fünf Jugendlichen (38 %) lesen regelmäßig Bücher, bei den Mädchen sind es fast die Hälfte (46 %). Natürlich werden bei diesen Freizeitaktivitäten oft auch elektronische Medien parallel genutzt.

Bei Eltern herrscht Verunsicherung darüber, welche medienpädagogische Verantwortung ihnen zukommt und wie sie dieser gegenüber ihren Kindern gerecht werden können. Nicht selten befürchten Eltern eine „Medienabhängigkeit“ ihrer Kinder. Die Mehrzahl der Jugendlichen können allerdings mit Computer, Handy und Internet selbstbestimmt und angemessen umgehen. Nur ein kleiner Teil der Nutzer entwickelt psychische Auffälligkeiten: Ein soziales Leben findet dann kaum noch statt, regelmäßige Ernährung und Körperpflege werden eingestellt und Schule oder Arbeit werden vernachlässigt.

Was allerdings auch passieren kann, wenn Kinder und Jugendliche nicht gut aufgeklärt sind, haben die Forscher der Studie „Always on!“2 herausgestellt. Einige Jugendliche mussten Erfahrungen mit Cybermobbing (11 %), Missbrauch eigener Daten (42 %), extrem hohen Kosten (24 %), Nachrichten von fremden Personen (27 %) machen oder gaben an, auf nicht jugendfreien Seiten (21 %) gesurft zu haben.

Was können Eltern tun?

Medienkompetenz erlernen Kinder und Jugendliche nur durch „Beziehung“. Sie brauchen Eltern, die sich für das interessieren, was ihre Kinder interessiert („Zeig mir mal, was du da spielst?“), die bereit sind, mit ihren Kindern darüber zu sprechen, die sich trauen, regelnd einzugreifen und auch mal zu streiten, wo es notwendig ist. Kein Computerspiel an sich macht süchtig. Sucht findet dort einen Nährboden, wo Kinder und Jugendlichen keine erwachsenen Gegenüber haben, wo sie keine Bindung und Verbindlichkeit erfahren.

Ein paar Tipps:

  1. Erkennen Sie Medien als wichtigen Teil der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen an.
  2. Begleiten Sie Ihr Kind aktiv auf seinem Weg zur kompetenten Mediennutzung.
  3. Sehen Sie sich in Ihrer Mediennutzung als Vorbild für Ihr Kind.
  4. Lassen Sie sich die Lieblingsseiten oder Lieblingsspiele Ihres Kindes zeigen.
  5. Handeln Sie mit Ihrem Kind Regeln für seine Mediennutzung aus (nicht die tägliche Dauer, sondern die Nutzungszeit von X Uhr bis Y Uhr) und sehen Sie dabei Altersangaben von Spielen und Filmen als verbindlich an.
  6. Verlangen Sie, dass das Handy beim Essen ausgeschaltes ist oder auf lautlos gestellt wird.
  7. Sprechen Sie mit Ihrem Kind über die rechtlichen Grundlagen wie z. B. Datenschutz und Urheberrecht und die Gefahren bei der Weitergabe persönlicher Daten wie z. B. Adressen, Telefonnummern, hochgeladen Fotos.
  8. Wenn Ihr Kind im Netz mit Konfliktsituationen konfrontiert wird – unabhängig davon, ob es von einem Mobbing-Fall mitbekommt oder selbst daran beteiligt ist – entscheiden Sie niemals über den Kopf Ihres Kindes. Befähigen Sie Ihr Kind vielmehr, selbst etwas zu tun und werden Sie nur in Rücksprache mit Ihrem Sohn oder Ihrer Tochter aktiv.
  9. Persönliche Nachrichten auf Handy, Tablet oder PC, die von Ihrem oder für Ihr Kind verfasst wurden, sind für Eltern „tabu“. Wenn Sie Grund zur Sorge haben, bitten Sie Ihr Kind, Ihnen die Nachrichten zu zeigen.
  10. Wenn sich Ihr Kind über einen längeren Zeitraum sozial isoliert, den Schulbesuch vermeidet, Dinge des Alltages stark vernachlässigt und dies mit einer intensiver Mediennutzung einher geht, sollten Sie eine entsprechende Beratungsstelle aufsuchen.

In welchem Alter sollte ein Kind/Jugendlicher ein eigenes Handy besitzen?

Ein eigenes Handy sollten Kinder ab ca. 10 Jahren haben dürfen. Das braucht nicht über einen Internetzugang verfügen. Oder passen Sie zumindest die Sicherheitseinstellungen entsprechend an und spielen Sie Jugendschutz-Apps auf. Ein sogenannter Prepaid-Tarif ist empfehlenswert: Die monatliche Grundgebühr entfällt und Kinder bekommen ein Gefühl fürs Geld. Jugendliche können durchaus die „abgelegten“ Mobilfunkgeräte ihrer Eltern nutzen. Und wenn Ihr Sohn oder Ihre Tochter klagt, dass alle anderen ein besseres Handy besitzen, halten Sie das aus. Es durften übrigens auch früher alle anderen länger aufbleiben, länger ausgehen, bekamen mehr Taschengeld usw.

Wo kann ich mich zum Thema „Sicherheit im Netz“ informieren?3

  • chatten-ohne risiko.net – Sicherheitstests und Bewertungen von Sozialen Netzwerken, Chat-Atlas
  • handysektor.de – Infos zu Apps, Smartphones und Tablets
  • internet-abc.de – Ratgeber und Lernplattform über das Internet
  • jugendschutz.net – Infos und Materialien zu aktuellen Problemfeldern im Internet
  • klicksafe.de – Aktuelles zu Sicherheit und Entwicklung im Internet
  • schau-hin.info – Hilfen zur Medienerziehung
  • surfen-ohne-sisiko.net – Technische Hilfen, interaktive Spiele

 

 Wo finde ich im Netz gute Seiten für Kinder?3

  • meine-startseite.de – Eigene Startseite gestalten mit Videos, Spielen und Kindernachrichten
  • klick-tipps.net – Wöchentlich empfehlenswerte Kinderseiten zu aktuellen Themen
  • blinde-kuh.de – Findet alles, was Kinder wissen wollen
  • fragfinn.de – Suchmaschine und Link-Tipps von Raupe Finn
  • seitenstark.de – Über 60 anspruchsvolle, sichere Kinderseiten zu spannenden Themen

 

 

Reinhard Baumann

Dipl.-Sozialpädagoge

Erziehungs- und Familienberater

 

1 JIM-Studie 2016, Jugend, Information und (Multi) Media; Hrsg: Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (mpfs3), Stuttgart
2 Studie „Always on!“ Hrsg: Dr. Karin Knop, Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM), 2015
3 Broschüre „Sicher im Netz“; Hrsg: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 2016

02.09.2016

Warum Jugendliche so seltsam sind


Rückendeckung aus der Hirnforschung

Das Klischeebild eines Jugendlichen ist irgendwo auf einer Skala zwischen kopflosem Nervenkitzel und chronischer Übermüdung zu finden. Diese Gegensätze machen die Pubertät für Eltern aufregend und bisweilen rätselhaft. In den letzten Jahren hat die Hirnforschung jedoch neue Einsichten ermöglicht, die so manche Verhaltensweise verständlich und nachvollziehbar werden lassen.

Für die meisten Eltern, die mit pubertierenden Jugendlichen unter einem Dach leben, kommt irgendwann ein Zeitpunkt, ab dem sie ihre Kinder nicht mehr wiederzuerkennen glauben. Gestern noch vernünftig und einsichtig, laufen heute alle noch so wohlmeinenden Argumente ins Leere. Mit einem Mal bestimmen Dinge den Alltag, die ein Erwachsener für völlig nebensächlich halten würde.

Bevor wir an dieser Stelle an unseren Kindern zu zweifeln beginnen, können wir uns über ein wenig Rückendeckung aus der Hirnforschung freuen. Fakt ist: Erwachsene denken anders als Jugendliche. Für einen Erwachsenen steht am Beginn einer Handlung die Frage: Welche Konsequenzen habe ich zu erwarten? Was wäre zum Beispiel die Folge, wenn ich heute Abend feiern gehe, als gäbe es kein Morgen mehr? Nun, neben einer Menge Spaß vermutlich auch gewaltige Kopfschmerzen.

Unsere Erfahrungen helfen uns dabei, diese ein wenig ferner liegende Zukunft lebendig auszumalen und Nutzen und Kosten gegenüberzustellen. Mit zunehmendem Alter erhalten langfristige Kosten ein größeres Gewicht für uns als ein kurzfristiger Spaß. Nun kann man versuchen, diese Einsicht seinem Nachwuchs zu vermitteln und sich dabei darüber wundern, dass dieser zu einer genau entgegengesetzten Einschätzung kommt. Dieser Gegensatz ist ein zuverlässiger Auslöser für Reibungsverluste in der Kommunikation zwischen Eltern und Jugendlichen – daher finde ich die Frage interessant: Wie kommt es überhaupt dazu? Zwei anschauliche und gut nachvollziehbare Begründungen liefert hier die Hirnforschung. Da sich das menschliche Gehirn sozusagen von innen nach außen entwickelt, wird der frontale Kortex zuletzt ausgebildet. Dieser Hirnbereich ist für unterschiedliche mentale Prozesse verantwortlich: Planung und Handlung sowie die daraus resultierenden Konsequenzen, Zielüberwachung, Problemlösen, Kontrolle spontaner Impulse und Handlungshemmung sowie soziale Verantwortung. Die späte Entwicklung des frontalen Kortex kann sich sogar bis über das 20. Lebensjahr hinaus erstrecken und im Alltag der Jugendlichen große Auswirkungen haben. Weil sie aufgrund der Reifung des Gehirns noch nicht in der Lage sind, ihr Ziel zu fokussieren und konsequent daraufhin zu arbeiten, geraten ihre Ziele oft aus dem Blick. Aus dem gleichen Grund können Jugendliche auch ihr Risikoverhalten nicht gut einschätzen. Zusätzlich hat das Risikoverhalten eine Auswirkung auf das direkte Belohnungssystem des Gehirns. Hier wirkt der Botenstoff Dopamin, indem er Gefühle von Zufriedenheit und Anerkennung auslöst. Im Zusammenhang mit unserer Fragestellung steht die Beobachtung jüngerer Untersuchungen, dass im Jugendalter ein Rückgang der Dopaminrezeptoren stattfindet. So werden darüber hinaus Gemütslagen wie Langeweile und Desinteresse bis hin zur Melancholie, die ebenfalls in der Pubertät nicht untypisch sind, erklärbar.

Ebenso wie fehlendes Gespür für Gefahren gehört paradoxerweise auch ein erhöhtes Schlafbedürfnis zu den Schattenseiten des Heranwachsens. Schenkt man der Hirnforschung Glauben, steigt das Schlafbedürfnis mit Beginn der Pubertät tatsächlich an. Zusätzlich wird das Hormon Melatonin, das für die Steuerung des Schlafes zuständig ist, erst zwei Stunden später als bei Erwachsenen ausgeschüttet. Die Folge ist, dass unsere Jugendlichen den Weg ins Bett erst spät in der Nacht finden. In den Morgenstunden bleibt das Melatonin dann auch länger im Körper – mit den für Eltern bekannten Folgen. Kurz: Es entspricht einfach nicht dem Biorhythmus Heranwachsender, früh aufzustehen und Leistung zu erbringen. Das erhöhte Schlafbedürfnis und der besondere Einschlafrhythmus führen leicht zu ständigem Schlafmangel mit den typischen Auswirkungen auf Lernverhalten und Wohlbefinden und können sogar ein anhaltendes Gefühl der Traurigkeit hervorrufen.

Die persönlichen Grenzen überwinden gehört zu den wichtigen Aufgaben in der Jugend. Denn durch ihre Entdeckerfreude kehren die Jugendlichen nicht nur allmählich der heimischen Nestwärme den Rücken zu und lösen sich langsam ab, sondern erweitern durch neu gemachte Erfahrungen Wissen und Kompetenz. Nichtsdestotrotz tun Eltern gut daran, auf Risiken hinzuweisen und einzuschreiten, wenn das innere Stopp-Schild fehlt. Wie können Eltern also mit dem Verhalten ihrer Kinder umgehen? Nehmen Sie sich für ihre jugendlichen Kinder Zeit. Zeit, die regelmäßig besteht und in der eine spürbare und liebevolle Gegenwart entsteht. Die Jugendlichen dürfen, müssen aber nicht dieses Gespräch ergreifen. Es geht darum, die Bereitschaft zum Gespräch zu signalisieren. Hören Sie ihren Kindern zu, egal um welche Themen es geht und haben Sie Verständnis. Geben Sie ihren Kindern Raum und erkennen Sie an, dass sie zu Jugendlichen werden. Und treffen sie mit ihnen Absprachen und Vereinbarungen, die sie zu Eigenständigkeit und Verantwortlichkeit bewegen, aber zeigen Sie auch Grenzen auf. Teenager ohne Grenzen wären  überfordert. Ihre Jugendlichen brauchen ihre Unterstützung, um Orientierung zu finden  und Risiken realistisch einzuschätzen. Handeln Sie nach dem Motto: Anleitung wo nötig, aber so wenig wie möglich. Die Pubertät ist ein Balanceakt, ein ständiges Abwägen des Zuviel oder Zuwenig. Während der eine Ermutigung braucht, um die eigenen Möglichkeiten und Grenzen zu erkunden, braucht der andere ein erwachsenes Korrektiv – Grenzen, bis die eigene Impulskontrolle verlässlich funktioniert. Bleiben Sie als Eltern authentisch und bringen Sie die Bereitschaft mit, sich selbst in Frage zu stellen oder auch stellen zu lassen. Und machen Sie ihren Jugendlichen deutlich, dass es erstrebenswert und schön ist erwachsen zu werden.

Marzena Kowalski-Zimmer

Diplom-Sozialpädagogin


01.08.2016

Schulwechsel – Was braucht ihr Kind?


Nach den Sommerferien steht für viele Kinder der Schulwechsel in eine weiterführende Schule an. Vielleicht haben Sie und Ihr Kind die Atmosphäre in der Grundschule als förderlich und kinderfreundlich erlebt. Schön wäre es, wenn Ihr Kind vom Spiel mit bunten Holzbuchstaben in der ersten Klasse der Grundschule schnurstracks zur feierlichen Überreichung des Abiturzeugnisses durchmarschieren könnte. Für viele Kinder beginnt aber jetzt nach den großen Ferien erst einmal der „Ernst des Lebens“. Erwartungen der weiterführenden Schule hinsichtlich Leistung, Lerntempo, Selbstorganisation und sozialer Kompetenz machen den Kindern ebenso zu schaffen, wie ein meist längerer Schulweg und die Unsicherheiten, die von den noch fremden Klassenkameraden ausgehen.

Eltern machen den Schulerfolg ihrer Kinder manchmal zur eigenen Sache und nehmen die Verantwortung gänzlich in ihre Hände. „Wir müssen heute noch für eine Arbeit lernen!“, „Wir haben eine Drei in Mathematik geschrieben!“, sind Aussagen, die wir in Beratungen manchmal hören. Bis zur Klasse sieben oder acht führt starke Verantwortungsübernahme durch die Eltern oft noch zu schulischem Erfolg. Danach fordert das jugendliche Kind stärker Autonomie ein und wehrt sich gegen Einmischungen. Dort wo Eltern die „Zügel fest in der Hand haben“ lernen und übernehmen Kinder kaum Eigenverantwortung.

Begleiten Sie Ihr Kind in den ersten Monaten auf der weiterführenden Schule intensiv. Es muss sich erst an die Anforderungen seiner neuen Schule gewöhnen. Nach den Weihnachtsferien sollten Sie Ihrem Kind zunehmend mehr Eigenverantwortung zugestehen. Trauen Sie ihm zu, dass es seine Aufgaben ohne Ihre Hilfe bewältigt und sagen Sie ihm auch: „Ich glaube, dass Du das alleine schaffst. Wenn Du Hilfe benötigst, kannst Du mich fragen!“ Bleiben Sie dabei trotzdem gut informiert.

Nach einem anstrengenden Schultag noch viele Stunden mit Hausaufgaben und Lernen zu verbringen, sollte eher Ausnahme sein. Wichtige kindliche Bedürfnisse nach Bewegung, sozialem Lernen, kreativem Tun haben so keine Zeit mehr.

Folgende Hausaufgabendauer als Durchschnitt wird empfohlen:

Klasse 1 + 2                30 Minuten

Klasse 3 + 4                45 Minuten

Klasse 5 + 6                60 Minuten

Klasse 7 + 8                90 Minuten

Klasse 9 + 10              120 Minuten

Wenn Ihr Kind sich beharrlich weigert, diese Zeitdauer mit dem Lernen und den Hausaufgaben auszufüllen, liegt nicht immer „Faulheit“ vor. Es kann auch auf eine Überforderung hinweisen. „Mein Kind könnte, wenn es nur wollte!“, hören wir Eltern oft sagen. Manchmal aber „würde es gerne wollen, wenn es nur könnte“.

Wenn Sie feststellen, dass die Schulschwierigkeiten den familiären Alltag weitestgehend in Beschlag nehmen, wenn alles besorgte Reden scheinbar ins Leere geht, aller Druck, doch fleißiger zu sein und die guten Möglichkeiten zu nutzen, erfolglos bleibt, dann ist es wichtig, mit Lehrern und anderen Fachkräften das Gespräch zu suchen. Ziehen Sie die Reißleine! Suchen Sie nach Entlastungen oder bieten Sie Ihrem Kind die Schulform an, die es mit Freude und Erfolg bewältigen kann! Unser Schul- und Bildungssystem weist Wahlmöglichkeiten auf. So mancher kleine Umweg führt auch zum geplanten Ziel. Wenn Sie möchten, dass Ihr Kind gerne zur Schule geht, passen Sie Ihre Erwartungen an die Möglichkeiten des Kindes an und nicht umgekehrt!

Reinhard Baumann

Dipl.-Sozialpädagoge


21.07.2016

„Halt doch mal die Bälle flach!“


Wenn Eltern unterschiedliche Anforderungen an ihre Kinder stellen

„Du erlaubst ihr alles. Es ist auch kein Wunder, dass sie in der Schule nichts auf die Reihe bringt!“, sagt der Vater zur Mutter. Er kann nicht verstehen, dass seine Frau die gemeinsame Tochter mittags zu ihren Freundinnen gehen lässt, obwohl die letzten zwei Klassenarbeiten negativ ausgefallen sind. „Halt doch mal die Bälle flach!“ sagt die Mutter, die spürt, dass die Tochter derzeit überhaupt keine schulische Motivation mehr aufbringen kann und sich nur noch quält. Welcher Elternteil hat denn nun Recht?

Oft streiten Eltern über den richtigen Weg in der Erziehung. Das tun sie, weil beide ihr Kind lieben und sich Sorgen machen. Dumm nur, dass die beiden in ihrer Analyse zu völlig unterschiedlichen erzieherischen Konsequenzen kommen. Streiten sie nicht miteinander, denn sie haben beide recht!

Wer von dem anderen Elternteil Strenge im Umgang mit dem gemeinsamen Kind fordert, ist meist derjenige, der selbst am wenigsten dazu in der Lage ist. Er ist dann in Sorge, etwas zu versäumen und delegiert die Verantwortung an den anderen Elternteil. Der sorgt sich aber auch um das Kind und versucht den Druck vom Kind wegzunehmen. So geht die Schere in unserem Beispiel auseinander.

Natürlich muss ein Kind sich anstrengen, wenn es das Klassenziel erreichen möchte. Und es ist richtig, dass Eltern ihm dies vermitteln. Doch es nutzt wenig, sein Kind zum schulischen Erfolg „prügeln“ zu wollen. Manchmal müssen Eltern eben auch akzeptieren, dass ihr Kind Grenzen hat. Nicht alle Kinder sind gleich begabt, nicht alle Kinder haben den gleichen „Biss“ und manchmal sind Kinder durch andere Ereignisse belastet. Schulischer Erfolg und Misserfolg sind also nicht immer eine Frage von Fleiß und Faulheit, sondern oft auch eine Frage der Persönlichkeit und Mentalität des Kindes oder den Lebensumständen. Leider wissen wir nicht immer, ist nun im konkreten Fall die Faulheit das Problem oder eine derzeit stark geschundene „Schülerseele“, die eine Auszeit braucht. Oft ist es ein bisschen von beidem, es gibt eben nicht nur schwarz und weis.

  • Respektieren sie die Haltung und das Handeln des anderen Elternteils ihrem Kind gegenüber!
  • Kinder können gut damit umgehen, dass ihre Eltern unterschiedliche Vorstellungen in einer Frage haben. Erst wenn Eltern massiv streiten, wird das Kind nachhaltig verunsichert!
  • Kritik am Verhalten ihres Partners sollten sie nie im Beisein des Kindes äußern!
  • Wenn ihre Positionen „unvereinbar“ erscheinen, holen sie sich Rat bei guten Freunden, in ihren Familien oder suchen sie eine professionelle Beratungsstelle auf!

In der Arbeit mit Eltern stelle ich oft fest, dass Kinder mittelfristig gute Wege gehen, obwohl ihnen ihre Eltern mit unterschiedlicher Strenge begegnet sind. Wichtig ist, dass die Eltern ihren Streit nicht auf die Spitze treiben. Offenbar profitieren die Kinder von der „Mittellage“  dieses unterschiedlichen Elternverhaltens.  Die Mischung macht’s eben! Für unser Beispiel heißt das: Kinder lernen, dass Anstrengungen sein müssen und sie lernen, dass sie auch mal einen „Durchhänger“ haben dürfen. So entsteht ein mittleres Stressniveau, das den Erfolg am besten fördert.

Reinhard Baumann

Dipl.-Sozialpädagoge


07.06.2016

Mama und Papa gehen wieder arbeiten: Die Betreuungsfrage


Oftmals am Ende des ersten Lebensjahres des Babys, mit Auslaufen des Elterngeldes, stellt sich die Betreuungsfrage, weil Eltern wieder arbeiten gehen wollen oder Eltern sich für ihren Nachwuchs wünschen, in einem anderen Umfeld Lernerfahrungen zu machen.

Wem können wir unser Kind anvertrauen, so dass Fremdbetreuung eine Bereicherung ist?

Gut ist, wenn das Kleinkind schon ab und zu von anderen Personen betreut wurde und auch bewusst eine Verabschiedung von den Eltern erlebt hat. Das heißt, beschreiben was man tut: „Mama geht jetzt kurz einkaufen und kommt dann wieder, inzwischen passt (z. B.) die Oma auf Dich auf!“ Das Kind darf sehen, dass Mama oder Papa weggehen und ihnen nachwinken. Wichtig ist, dass das Kind die Erfahrung macht, dass die Eltern schon bald wiederkommen.

Ist das Kind (schon) sicher gebunden, wird es sich, wenn auch nach kurzem Protest, auf die neue Situation einlassen können. Genauso wichtig ist aber auch, dass Eltern loslassen können; haben Eltern eine positive Einstellung zur Betreuung werden sie Sicherheit ausstrahlen, die sich auch auf das Kind überträgt.

Betreuung für die Kleinsten bieten neben privaten Möglichkeiten Tagesmütter oder Kinderkrippen. Adressen werden bei den Fachstellen der Jugendämter bereit gehalten.

Lassen Sie sich Zeit auf der Suche nach einer geeigneten Betreuung. Überlegen Sie, welche Kriterien für Sie und Ihr Kind wichtig sind und welche Fragen Sie beantwortet haben wollen, z. B. nach dem Betreuungsschlüssel (wie viele Kinder kommen auf eine Erzieherin/Tagesmutter), Urlaubsregelungen, Kosten. Eltern wollen aber auch wissen, wie in der Krippe oder bei der Tagesmutter gekocht wird, wie oft die Kinder an die frische Luft kommen, wie mit Konflikten umgegangen wird, in welchem Alter die anderen betreuten Kinder sind und nach welchem Modell die Eingewöhnungsphase stattfindet. Tagesmütter und Kitas verfügen oftmals über ein Skript, in welchem wichtige Informationen zusammengefasst sind.

Bei einem ersten Vorstellungsgespräch sollten alle organisatorischen Fragen geklärt werden. Bei einem zweiten Gespräch mit Kind halten Sie sich im Hintergrund und beobachten Ihr Kind in der ungewohnten Umgebung und achten auf die Interaktion zwischen Betreuungsperson und Kind.

Trennung von den Eltern ist für Kinder zunächst immer mit Stress verbunden. Dies wird oft nicht bemerkt, aber in wissenschaftlichen Untersuchungen ist ein erhöhter Cortisolspiegel bei Kleinkindern nachgewiesen worden – auch ohne auffälliges Verhalten.

Deshalb muss die Betreuungsperson zu Ihnen und Ihrem Kind passen, da sie in der Zeit der Betreuung die Eltern als Bindungsperson ersetzt. Die Feinfühligkeit der Erzieherin oder Tagesmutter sollte daher das ausschlaggebende Kriterium für eine gelungene Betreuung sein. Sie muss einen Blick auf das Seelenleben des Kindes haben, es trösten, wenn es traurig ist und sich mit ihm über das Gelingen neuer Entwicklungsschritte freuen.

Auf was ist noch zu achten?

Gibt es gerade viele Veränderungen in einer Familie wie Umzug oder die Geburt eines Geschwisterkindes sollte man eine Betreuung nicht überstürzen.

Die Eingewöhnungszeit kann für das Kind durch ein Maskottchen von Ihnen erleichtert werden.

Nehmen Sie sich Zeit, Ihr Kind an die neue Situation zu gewöhnen – am besten noch bevor Sie in den Beruf starten.

Die Betreuungszeit sollte bei Kleinkindern nur solange wie nötig sein; achten Sie auf ein gutes Gleichgewicht zwischen Selbst- und Fremdbetreuung.

Haben Eltern ein gutes Betreuungsmodell gefunden, ist dies eine Bereicherung für die Entwicklung des Kindes, da es neue Erfahrungen in vielen Lebensbereichen machen kann!

Carola Möller

Dipl.-Pädagogin

 


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