Nachrichten

13.04.2018

Kinder und Konsum


Was brauchen Kinder zum Großwerden

Eltern wollen ihren Kindern stets Neues bieten und ihnen die Nutzung ihrer Potenziale ermöglichen. Man findet daher ein überwältigendes Angebot an Spielzeugen, lehrreichen Filmen und Apps, die genau das leisten sollen. Was aber braucht ein Kind tatsächlich und welches Lernspielzeug ist wirklich effektiv? Ein Blick auf die Hirnentwicklung hilft ein wenig, Werbeversprechen einzuordnen:

Das Großhirn wird durch eigene Erfahrungen geformt: Nur diejenigen Verknüpfungen, die in der konkreten Lebenswelt regelmäßig aktiviert werden, bleiben bestehen. Dazu brauchen Kinder Erfahrungen, die sie selbst machen – mit Dingen, die sie verstehen und gestalten können. Alltagsgegenstände beispielsweise sind leichter für Kinder begreifbar und gestaltbar als Filminhalte. Dort lernen Kinder bloß, dass Dinge einfach hinzunehmen sind, ohne hinterfragt zu werden.

Stattdessen sind es einfache motorische Tätigkeiten wie Singen, Balancieren oder Klettern, die eigene Körpererfahrungen bieten. Diese bringen Kinder auch kognitiv weiter: Melodien müssen auswendig gelernt und punktgenau wiedergegeben werden. Hier fördern Kinder Feinmotorik und ggf. soziale Kompetenz. Ein Nebeneffekt: Gutes Körpergefühl erleichtert Studien zufolge etwa das abstrakte Denken.

Eltern können das Überangebot als Chance sehen, ihre Kinder zu lehren, den Unterschied zwischen Wünschen und echten Bedürfnissen zu erkennen. Kurzfristige Wünsche können aufgeschoben, grundsätzliche Bedürfnisse nach Geborgenheit, Liebe und Aufmerksamkeit sollen aber befriedigt werden, um Kinder selbstbewusst und eigenständig werden zu lassen.

Wenn sich aber jeder Wunsch wie ein Bedürfnis anfühlt, entsteht bereits eine Herausforderung darin, die echten Bedürfnisse zu spüren und ausdrücken zu lernen. Dies ist aber für die Entwicklung eines selbständigen und kreativen Menschen wichtig.

Bleiben Bedürfnisse unerfüllt, stimulieren sie eher den Konsum von Ersatzbefriedigungen. Wenn Kleidung oder elektronische Gadgets allerdings Minderwertigkeitsgefühle vermindern sollen, kann ein ständiges Suchen nach Neuem entstehen, das abhängig macht. Die Folge sind oft unzufriedene Kinder und Eltern, die sich schwach fühlen, weil das Kind dennoch unzufrieden bleibt. Dies kann einerseits zum Verlust an Selbstwert und Selbstvertrauen führen, andererseits Schuldgefühle und Aggressionen auslösen.

Kinder mit schwachem Selbstbewusstsein sind wiederum empfänglicher für Versprechungen aus der Werbung, die sich stark an Grundbedürfnissen orientiert. Klar ist, Werbung soll zum Kauf animieren und Kinder sind eine wichtige Zielgruppe, weil sie einen riesigen Einfluss auf das Kaufverhalten ihrer Eltern haben.

Es ist eine Aufgabe der Eltern, diesen Einfluss zu vermindern. Am besten geschieht dies, lange bevor Gruppendruck von Gleichaltrigen oder die Werbung ihren Beitrag zum Konsumverhalten der Kinder leisten, indem sie selbst als Vorbilder auftreten.

Marzena Kowalski-Zimmer

M. A. Diplom-Sozialpädagogin


13.04.2018

Der Jahresbericht 2017 ist fertig!


Jahresbericht 2017


16.03.2018

Bevor der Kragen platzt


Wir lieben unsere Kinder heiß und innig und dennoch bringen sie uns manchmal in kurzer Zeit zur Weißglut. Auch Eltern haben wütende Gedanken, das ist menschlich – wir dürfen diese jedoch nicht in die Tat umsetzen – wir müssen unsere Wut kanalisieren, denn „unser eigener Zorn und Verdruss tut uns mehr Schaden an, als das, was uns zum Zorn veranlasst.“

Eltern empfinden ihre Kinder zwischen 2,5 und 4 Jahren am ungehorsamsten, was am erwachenden eigenen Willen der Kleinen liegt: Keine Mauer ist zu hoch und kein Wasserhahn weit genug entfernt und Fernbedienungen ein begehrtes Spielzeug. Das kann nerven und Kinder sind mit einfachen ermahnenden Worten nicht zu erreichen! Dafür fehlt noch das Sprach- und Weltverständnis. Sind Eltern gestresst und überfordert, werden die Worte schnell lauter und der Schritt von der Lautstärke zur körperlichen Gewalt ist nur noch ganz klein – auch wenn Eltern sich  vorgenommen haben, ihre Kinder nicht anzuschreien und zu schlagen.

Es geht ganz schnell, dass Eltern und Kinder in einen Teufelskreis geraten, der zu immer massiveren Formen der wechselseitigen Provokation führt. Schon kleine Kinder wissen, wie sie ihre Eltern auf 180 bringen und so sehr, sehr viel Aufmerksamkeit bekommen, was wiederum das auffällige Verhalten verstärkt.

Umso jünger ein Kind ist, desto wichtiger ist es, dass wir unsere negativen Gefühle im Griff haben. Kleine Kinder leben noch in einer engen Verbundenheit mit den Eltern und beziehen das elterliche Verhalten auf sich. Bei unkontrolliertem Strafen und Schimpfen fühlen sich Kinder als Person abgelehnt und in ihrem Selbstwert verletzt.

Heftige Gefühlsausbrüche der Eltern erschrecken und stellen ein schlechtes Beispiel dar.

Wenn wir als Eltern immer wieder zu schnell und zu heftig reagieren, müssen wir uns selbstkritisch fragen:

Wie haben wir gelernt mit Konflikten umzugehen? Müssen wir als Gewinner aus einer Situation herausgehen oder geben wir uns mit einer Win–win-Situation zufrieden? Achten wir auf unsere sprachliche Ausdrucksfähigkeit!  Mit erhobenen Zeigefinger, ständiger Kritik und Vorbehalten geraten Eltern schnell in einen Teufelskreis. Ich –Botschaften, rechtzeitig formuliert, können einen Ausweg darstellen. Diese kommen sowohl in der Erwachsenenwelt als auch in der Kinderwelt gut an und schaffen eine konstruktive Atmosphäre, in der Lösungen gut und schnell gefunden werden können.

Voraussetzung ist, dass Eltern erst einmal wahrnehmen, wie sich ihr Körper anfühlt und diesem Gefühl auch Worte geben, die Kinder verstehen können. Die Kinder wissen nun, wie den Eltern gerade zu Mute ist.

Reaktionen der Eltern werden dann nicht als willkürlich empfunden. Ich–Botschaften dienen dem friedlichen Miteinander, schonen die Nerven und funktionieren so:

  1. Ich bin … (Gefühl)
  2. wenn/weil Du … (Auslöser)
  3. Ich möchte … (Ziel, Erwartung)

„Ich bin von der Arbeit gestresst. Ich möchte erst einmal kurz Ruhe haben – spielt doch noch kurz alleine – dann habe ich Zeit für Euch!“

„Ich bin ganz schön wütend, wenn ich sehe, dass die Puzzleteile am Boden verstreut sind. Ich möchte, dass wir sie zusammen aufräumen, dann können wir was anderes spielen!“

Der Ton und die Körperhaltung sind entscheidend für die elterliche Botschaft. Die Erfahrung zeigt: Gibt man seinem Ärger Ausdruck mit angemessenen Worten, hat man schon einmal gehörig Dampf abgelassen.

Was kann das Ausrasten noch verhindern, wenn die Ampel schon auf rot steht? Versuchen Sie es folgendermaßen:

Versuchen Sie wahrzunehmen, wie sich ihr Körper anfühlt.

Atmen Sie mindestens 3mal tief durch.

Zählen Sie langsam rückwärts (20,19,18, ….)

Denken Sie beruhigende Gedanken.

Sprechen Sie mit sich selbst: Denken Sie laut über Lösungen nach.

Denken Sie später in alle Ruhe darüber nach, was geholfen hat und was Sie in Zukunft anders machen können.

Faustregel:

Gehen Sie nie wütend zu Ihrem Kind, kontrollieren Sie Ihren Ärger! Vielleicht hilft auch die Vorstellung, sich selbst auf einem Monitor zu beobachten, in ein Kissen zu boxen, mit den Kindern an die frische Luft gehen oder Ihre ganz individuelle Lösung. Machen Sie sich aber Gedanken, bevor es soweit ist!

Bevor eine Situation vollständig eskaliert:  Das Kind sichern und aus der  Situation gehen.

Wenn Ihnen dennoch einmal der Kragen platzt, entschuldigen Sie sich bei Ihrem Kind. Sollten Sie immer wieder in den Teufelskreis aggressiven Verhaltens in Familien geraten, wenden Sie sich an eine Beratungsstelle, um nach friedlichen Lösungen zu suchen. Die Verantwortung für ein friedliches Miteinander in der Familie liegt bei den Erwachsenen.

Carola Möller

Dipl.-Pädagogin


02.02.2018

Zeugnisse


Diese Woche gab es Halbjahreszeugnisse, was für den einen Grund zur Freude war und für andere ein Warnschuss dafür sein könnte, künftig mehr zu tun, um die Versetzung am Ende des Schuljahres zu schaffen. Wie sollen Eltern sich verhalten, wenn die Zensuren schlecht ausfallen oder die Versetzung gefährdet ist?

Trösten

Fällt das Zeugnis Ihres Kindes nicht so aus wie erhofft, braucht Ihr Kind von Ihnen in dieser Situation zuallererst Trost und die unmissverständliche Versicherung, dass es von Ihnen weiterhin bedingungslos geliebt wird. Machen Sie sich bewusst, dass Kinder gerade bei schlechten Noten, Ihre Anerkennung für Bemühungen und Anstrengungen brauchen.

Locker bleiben

Sind Eltern sehr emotional, kritisieren sie ihr Kind mitunter undifferenziert. Nach dem Motto: „Schon immer wusste ich, dass du ein Versager bist.“ Solche Sätze nagen am Selbstwertgefühl. Sagen Sie ganz genau, auf welche Leistungen Ihres Kindes Sie stolz sind und welche Noten besser sein könnten. Poltern Sie nicht direkt los. Fragen Sie Ihr Kind, womit es selber zufrieden oder unzufrieden ist. Loben Sie gute Leistungen. Gab es Absprachen, die nicht eingehalten wurden, müssen Eltern dies ansprechen und Konsequenzen folgen lassen.

Vielleicht hilft es Ihnen, sich klar zu machen, dass der gesamte Lebenserfolg nicht von einem einzigen Zeugnis abhängt, und Sie selbst auch die eine oder andere „Schleife“ gedreht haben, um zum Ziel zu kommen.

Ursachen suchen

Setzen Sie sich in Ruhe mit Ihrem Kind zusammen, um gemeinsam herauszufinden, wo die Ursachen für schlechte Zensuren liegen. Sehen Sie die Stärken und weniger die Defizite im Zeugnis. Schaut man auf das, was das Kind gut kann, gibt das unglaublichen Rückenwind und motiviert Ihr Kind weiterzumachen, statt den Kopf in den Sand zu stecken.

Suchen Sie das Gespräch mit den Lehrkräften, um sich gegebenenfalls das Zustande-kommen einzelner Noten erklären zu lassen. Verfallen Sie nicht in Panik und schimpfen Sie nicht. Ein Termin in einer Familienberatungsstelle kann helfen, gemeinsam Ursachen und Lösungen für schlechte Noten herauszufinden, Zukunftsideen zu entwickeln und das möglicherweise angespannte familiäre Miteinander zu entlasten.

Realistisch sein

Fragen Sie sich selbstkritisch, ob Ihre Erwartungen realistisch oder die Entscheidung der Schulwahl richtig sind. Können Kinder auf Dauer die Erwartungen ihrer Eltern nicht erfüllen oder dem Leistungsdruck in der Schule nicht standhalten, können sich Ängste oder körperliche Symptome wie Bauchweh oder Kopfschmerzen entwickeln. Hat das Kind erst aufs Gymnasium gewechselt, ist dies die erste Rückmeldung, die nicht überbewertet werden sollte. Die Umstellung auf neue Lehrer, Fächer und Mitschüler kann dauern und sollte kein Grund sein, in Panik auszubrechen.

Zukunftsplanung

Versuchen Sie „nach dem ersten Schreck“ den Blick wieder nach vorne zu richten. Schmieden Sie gemeinsam mit Ihrem Kind Pläne für die Zukunft. An einem Gespräch mit der Schule sollte Ihr Kind unbedingt teilnehmen, dies fördert Verantwortungsbewusstsein und Selbstwirksamkeit – beides gute Begleiter für ein zufriedenes und erfolgreiches Leben.

Klären Sie gemeinsam mit Ihrem Kind, welche Unterstützung von wem hilfreich sein kann. Setzen Sie gemeinsam realistische Ziele. Halten Sie im kommenden Halbjahr regelmäßigen Kontakt zur Schule und widerstehen Sie dem Drang, Ihr Kind ab jetzt übermäßig zu kontrollieren.

Pubertät

In der Pubertät werden bei den meisten Schülern die Noten schlechter und Eltern haben das Gefühl bei ihren Kindern „an eine Wand zu reden“. Im Gehirn finden großräumige Umbauarbeiten statt, so dass die Mechanismen, die für eine Balance zwischen Gefühlen und rationalen Erwägungen sorgen, zeitweise besonders störanfällig sind. Forscher vom University College in London machen auf ein Regelwerk im Gehirn aufmerksam, das in diesem Alter besonders sensibel reagiert: Das Belohnungssystem. Jugendliche lernen deshalb fast ausschließlich durch Belohnung, nicht durch Bestrafung. „Diese Ergebnisse legen nahe, dass Jugendliche mehr von positivem als von negativem Feedback der Eltern profitieren könnten, um ihr Verhalten zu verbessern“, folgern die Autoren der Studie.

Kirsten Hückel-Dege

Diplom-Sozial-Pädagogin


08.01.2018

Streit unter Geschwistern


Sie kennen das: Der Ton unter ihren Kindern wird lauter, geht über in Schubsen, Rempeln, Kneifen. Manchmal fliegen dann auch Spielsachen und gelegentlich sogar Fäuste. Bitterliches Weinen und die Erwartung an Sie, dem geschwisterlichen Aggressor endlich Einhalt zu gebieten, ihn als Schuldigen zu verurteilen und sogleich die eigene Unschuld zu bestätigen, sind Folgen des Streites.

Kain und Abel – der Geschwisterkonflikt ist ein gewöhnliches Phänomen! Aber Konflikte stehen im Widerspruch zu unserem Ideal von einem liebenden und friedvollen Umgang in der Familie. Schnell drängt sich die Frage auf: Was haben wir Eltern falsch gemacht? Ich greife vorweg: Vermutlich wenig oder nichts!

Denn die Bandbreite geschwisterlicher Beziehungen ist groß. Liebe und Hass scheinen sich in Minutenabständen abzuwechseln. Neutralität gibt es kaum. Niemand kann sich seinen Bruder, seine Schwester oder seine Rangfolge in der Geschwisterreihe aussuchen. Mit jedem Familienzuwachs ändert sich die Aufmerksamkeit der Eltern. Rivalität, Abneigung und Feindschaft gehören zum täglichen Brot, sobald mehr als ein Kind mit Mutter und Vater aufwächst. Natürlich gibt es auch das Gegenteil: Ein 10-Jähriger, der seine kleine Schwester vergöttert und um deren Zuneigung buhlt, ist ein Beispiel dafür. Die meisten Eltern berichten: „Die lieben und die hassen sich!“ Geschwisterkinder sind untereinander nicht nachtragend aber auch nicht gleichgültig. Wehe, die Bedrohung kommt von außen. Dann halten die „Todfeinde“ zusammen wie Pech und Schwefel, gelegentlich sogar gegenüber den eigenen Eltern.

Auch wenn es die Eltern noch so nervt, Aggressionen unter Geschwistern haben für Kinder auch eine entwicklungsfördernde Funktion. Kinder lernen im geschützten Raum der Familie die eigene Stärken und Schwächen kennen, lernen zu gewinnen und zu verlieren, können ihre Spannungen abbauen. „Kämpfen macht Spaß“, antworten kleine Jungen, wenn man sie fragt, warum sie streiten. Die Toleranz der streitenden Kinder ist weitaus größer als die der Erwachsenen.

Was können Eltern tun?

Ein paar Vorschläge:

  • Greifen Sie erst ein, wenn die Kinder sich körperlich oder verbal verletzen oder Gegenstände zerstören
  • Vermeiden Sie lange Diskussionen, handeln Sie klar, separieren Sie die Streitenden und lassen Sie sich nicht in die Rolle des Richters drängen (Kind: „Der hat angefangen!“; Mutter: „Du hast mitgemacht!“)
  • Erst wenn die Emotionen bei ihnen und ihren Kindern abgeklungen sind, können sie andere Konfliktlösungsstrategien besprechen
  • Stellen Sie Regeln auf, die für alle Kinder gelten
  • Vermeiden Sie, die Kinder zu vergleichen und eines als Vorbild für das andere zu nehmen
  • Machen Sie altersgemäße Unterschiede (z. B.: Wer älter ist, darf auch länger aufbleiben.)
  • Schauen Sie mal in den Spiegel: Wie gehen Sie mit Konflikten um?

Geschwisterkonflikte klingen mit zunehmender Autonomieentwicklung der Kinder ab. Nach einer Zeit relativer Gleichgültigkeit werden Geschwister nicht selten „beste Freude“. Und am Ende unseres Lebens haben wir meist mit keinem Menschen eine längere Zeitspanne verbracht als mit unseren Geschwistern.

Reinhard Baumann

Dipl.-Sozialpädagoge


28.09.2017

„Hilfe– mein Kind ist immer noch nicht trocken …“


denken viele Eltern von zwei- bis dreijährigen Kindern beim stolzen Berichten anderer Eltern über die Erfolge ihrer Kinder.

Es ist immer noch sehr verbreitet, dass der zweite Geburtstag spätestens der Start für ein Sauberkeitstraining sein soll, obwohl dies wissenschaftlich widerlegt ist. Heute weiß man, damit ein Kind überhaupt fähig ist, sauber zu werden, müssen die Nervenbahnen zwischen Blase/Darm und Gehirn erst ausreifen und dies ist frühestens am Ende des zweiten Lebensjahres, häufig jedoch erst im Laufe des dritten Lebensjahres, so differenziert geschehen, dass ein Kind zur perfekten Kontrolle seines Schließmuskels fähig ist.

Das Kind darf sich auch zu Beginn des 3. Lebensjahres noch Zeit lassen, da das Sauberwerden von Kind zu Kind (auch zwischen Geschwistern) sehr unterschiedlich sein kann und auch durch andere aufregende Geschehnisse in der Familie wie die Geburt eines Kinder oder Umzug in den Hintergrund rücken kann. So ist manchmal ein 2-jähriges Kind an Toilette und Töpfchen sehr interessiert und ein 3-jähriger weiß noch nichts damit anzufangen.

Eltern können das Tempo des Sauberwerdens nicht bestimmen, sind jedoch wichtige Begleiter.

Nach folgenden Entwicklungsschritten läuft meist der Weg zur Blasen- und Darmkontrolle ab, nennen wir es doch besser Erfolgsschritte:

  1. Erfolgsschritt:

Das Kind ist aufmerksam für die Signale im Bauch. Manchmal sagt es vielleicht auch „im Bauch drückt was“.

  1. Erfolgsschritt:

Die Eltern beobachten „ die Meldung im Nachhinein“, d.h. ein Kind setzt sich oft in die Ecke, hat noch die Windel an und macht bewusst hinein.

Den Eltern sollte nun bewusst sein, dass dies keine Panne ist, sondern dass die Meldung im Nachhinein ein wichtiger Schritt zum Erfolg und ein dickes Lob Wert ist.

  1. Erfolgsschritt:

Das Kind nimmt nicht nur den Harndrang wahr, sondern versucht auch, darauf zu reagieren, indem es trippelt, tänzelt, die Oberschenkel zusammenkneift, um den Harndrang ungeschehen zu machen. Wichtig werden jetzt die Eltern, diese Anzeichen zu erkennen und darauf zu reagieren, indem wir das Kind ansprechen: „Ich glaube, du musst Pippi machen, komm, wir versuchen es mal auf dem Töpfchen“.

  1. Erfolgsschritt:

Kinder melden ihre Empfindungen und teilen schon einmal deutlich mit: „Mama/ Papa, ich muss mal“ oder „Mama/Papa Pippi!“ Um nun rechtzeitig auf die Toilette oder das Töpfchen zu kommen, sind die Eltern gefragt.

Sendet uns das Kind Signale, dass es muss, können wir sein Bedürfnis nicht auf die lange Bank schieben, sondern müssen umgehend reagieren, denn erst in einer letzten Phase der Sauberkeitsentwicklung können Kinder Urin und Stuhlgang auch für längere Zeit einhalten.

Was noch zu überlegen ist:

  • Hat Ihr Kind schon die ersten Erfolge auf dem Töpfchen, macht es Sinn, eines auch bei Ausflügen, Besuchen usw. dabei zu haben, um auf seine Meldungen reagieren zu können.
  • Bereitet Ihrem Kind der Stuhlgang Schmerzen, achten Sie doch einmal darauf, ob Ihr Kind genug trinkt oder vollwertige Nahrung die Verdauung fördern könnte.
  • Eltern sollten ihren eigenen Toilettengang nicht tabuisieren, sondern das Kind als ganz selbstverständlich erleben lassen.
  • Vermitteln Sie Uhren Kindern nicht, dass Toilette usw. etwas Ekliges ist und nennen den Inhalt des Töpfchens „Bähh“ oder „Pfui“. Das Kind ist ja erst einmal stolz auf sein „Pippi“ oder „Kacka“ und darf es auch selbst in der Toilette runterspülen.
  • Der Weg zum Sauberwerden ist oft durch kleine Missgeschicke gekennzeichnet, deshalb sollte man auch noch über einen längeren Zeitraum Wechselwäsche dabei haben, um dem Kind aus einer misslichen Situation ohne großes Aufheben helfen zu können. Auch hilft Kleidung, die einfach und schnell zu öffnen ist.
  • Schimpfen Sie nicht, wenn das Geschäft einmal in die Hose geht. Ihr Kind macht das nicht absichtlich. Ihr Kind braucht jetzt Trost.
  • Berichten Sie Erzieherinnen oder anderen Betreuungspersonen, wenn Ihr Kind erste Signale sendet. Es ist wichtig, hier an einem Strang zu ziehen.
  • Stellen Sie sich darauf ein, dass Toiletten und alles was damit zusammenhängt in nächster Zeit hochinteressant sein können. Ihr Kind ist einfach neugierig!
  • Informieren Sie sich selbst, denn die meisten Probleme bei der Sauberkeitsentwicklung entstehen durch falsche Erwartungen und falschen Rat.

Ein Wort zu früher:

Tatsächlich war es so, dass die Sauberkeitserziehung schon nach Vollendung des ersten Lebensjahres begann. Dies hatte ganz praktische Gründe, nämlich, dass Windeln zu waschen und trocknen einen enormen Aufwand bedeuteten. Kinder wurden oft mehr als 5-mal täglich für längere Zeit aufs Töpfchen gesetzt und das eine oder andere Kind war tatsächlich sehr früh trocken.

In den letzten 30 Jahren hat sich die Sauberkeitserziehung entschärft und immer weniger Eltern erwarten eine perfekte Blasenkontrolle zwischen dem 1. und 2. Lebensjahr, sondern geben ihrem Kind die Zeit, die es braucht.

Letztendlich sind gleich viele Kinder (verglichen mit früher) mit 4 Jahren stabil trocken, auch diejenigen, die man mit wesentlich weniger Stress und Aufwand in ihrer Entwicklung begleitete und auf ihr eigenes Körpergefühl achten ließ.

Ihr Kind wird es Ihnen danken, wenn Sie es auf dem Weg zum Trockenwerden einfühlsam unterstützen – ein Mosaiksteinchen zu einer selbstbewussten Persönlichkeit.

Carola Möller

Diplompädagogin


01.09.2017

Pippi Langstrumpf und Ronja Räubertochter- Mädchen stärken und erziehen


Durchsetzungskraft, Mut und Eigenständigkeit der Mädchenfiguren in den Büchern Astrid Lindgrens sprengen alle Begrenzungen, die aufgrund des Geschlechts und des kindlichen Alters von Pippi und Ronja vom Leser erwartet werden. Obwohl das Kinderbuch „Pippi Langstrumpf“ bereits 1945 erschien und mit Rollenstereotypien aufräumt, kommt eine Studie  der Harvard Graduate School of Education 2010 zum Ergebnis, dass männliche und weibliche Teenager und ihre Eltern Vorurteile gegenüber Mädchen und Frauen haben, die eine Führungsposition übernehmen möchten.

Aber wie gelingt es Eltern, ihre Töchter zu selbstbewussten, starken und mutigen Mädchen zu erziehen, die sich irgendwann einmal selbst die Führungsposition zutrauen?

  • Trauen Sie Ihrer Tochter etwas zu! Widerstehen Sie Ihrem Impuls, jeden Stein aus dem Weg räumen zu wollen und erlauben ihr eigene Fehler und Erfahrungen zu machen. So entsteht das Gefühl, etwas selbst geschafft zu haben. Das macht stark und gibt Selbstvertrauen.
  • Selbstwirksamkeit heißt das Zauberwort! Indem Ihre Tochter ein altersangemessenes Mitspracherecht erhält, wird sie feststellen, dass sie etwas zu sagen hat und ihr Selbstbewusstsein wird gestärkt. Lassen Sie sie entscheiden, ob sie die blaue oder die grüne Hose anziehen möchte und ob es am Wochenende zum Klettern oder in den Tierpark geht.
  • Konflikte erwünscht! Mädchen verhalten sich häufig angepasst, um die Anerkennung oder die Freundschaft der anderen nicht zu verlieren. Ermutigen Sie Ihre Tochter dazu, sich nicht alles gefallen zu lassen, sich zu wehren. Zeigen Sie ihr, wie sie für ein Anliegen eintritt, um das Erwünschte zu erhalten.
  • Toben, Schmutz und frische Luft ja bitte! Viele Mädchen malen und basteln gerne, spielen und toben daher seltener draußen als Jungen. Ermutigen Sie Mädchen, im Freien zu spielen – dort wichtige Erfahrungen zu sammeln. Eine solche Erziehung fördert deren motorischen Fähigkeiten, stärkt das Selbstbewusstsein und hilft, die eigenen Kräfte besser einzuschätzen. Gehen Sie Zelten, machen Sie Geocaching in fremdem Terrain und vermitteln Sie Naturerlebnisse.
  • Technik macht auch Mädchen Spaß! Nach landläufiger Meinung sind Mädchen an Technik wenig interessiert, weshalb ihnen entsprechende Angebote oft vorenthalten werden. Beteiligen Sie ihre Tochter am nächsten Reifenwechsel, beim Umbau im Haus, besuchen Sie ganz selbstverständlich (auch) technische Museen und bieten Sie entsprechendes Spielzeug an.
  • Die räumliche Wahrnehmung fördern! Die räumliche Vorstellungskraft von Jungen ist besser als die vieler Mädchen. Dies lässt sich evolutionspsychologisch erklären. Anders als die Frauen mussten sich Männer vor Jahrtausenden viele Kilometer von ihrer Hütte entfernt orientieren, um Wild zu jagen. Dieser Unterschied lässt sich allerdings durch Training relativ schnell ausgleichen. Such- und Zuordnungsspiele und das Zutrauen der Eltern, dass ihre Töchter selbst den Schulweg und ähnliche räumliche Herausforderungen meistern können, lässt Geschlechterunterschiede verschwinden.

Kirsten Hückel-Dege

Dipl.-Sozialpädagogin


28.07.2017

Alkoholismus als Familienkrankheit


Die deutsche Hauptstelle gegen Suchtgefahren schätzt etwa 10 % der Bevölkerung als stark alkoholgefährdet ein (das sind etwa 8 Millionen Menschen). Der Alkoholverbrauch pro Kopf der Bevölkerung stieg von 3 Liter reinen Alkohols von 1950 auf rund 12 Liter in 1990 und ist seitdem wieder leicht rückläufig. Im selben Zeitraum stieg die Zahl der behandlungsbedürftigen Alkoholkranken von etwa 200.000 Menschen auf heute über 2,5 Millionen. Die Zahl der stark alkoholgefährdeten bzw. alkoholkranken Kinder und Jugendlichen wird heute auf 0,5 Millionen geschätzt. Der durch die Alkoholkrankheit hervorgerufene volkswirtschaftliche Schaden in Deutschland ist immens. Nach amtlichen Schätzungen sind rund 5 % der Beschäftigten in Deutschland alkoholkrank.

Ist ein Familienmitglied alkoholabhängig, leidet die ganze Familie mit. Die Familie setzt alle Hebel in Bewegung, um den Alkoholkonsum des Abhängigen unter Kontrolle zu bringen. Man versucht dabei verschiedene Methoden. Man schüttet den Alkohol weg oder versteckt die alkoholischen Getränke, die Familienmitglieder suchen nach den heimlichen Alkoholvorräten in der Wohnung, sie trinken mit, sie bitten, sie versprechen, sie fordern, sie schimpfen, sie drohen, sie beschuldigen. Je mehr der Alkoholiker trinkt und der Alkoholismus fortschreitet, umso mehr versucht die Familie, den Alkoholismus des betroffenen Familienmitgliedes in den Griff zu bekommen. Das ganze Denken, Fühlen und Handeln der Familie dreht sich um den Alkoholkonsum des Betroffenen. Es werden immer neue Versuche unternommen, ihn von der Sucht wegzubekommen. Immer neue Hoffnungen durch den Alkoholkranken werden geweckt und die Familie erlebt immer wieder gleichzeitig neue Enttäuschungen. Das Thema Alkoholismus des Betroffenen wird zum Mittelpunkt der gesamten Familie, der „Alkoholismus“ sitzt mit am Familientisch. Die Gefühle der Familienmitglieder sind ähnlich denen des Abhängigen. Auch sie fühlen sich hilflos, schuldig und frustriert. Hinzu kommen im Laufe der Zeit eine gewaltige Portion an Ärger und Wut, denn alle Bemühungen, seine Abstinenz zu erreichen, führen zu keinem befriedigenden Ergebnis. Änderungen, die er permanent verspricht, die locken und die Hoffnung machen, sind meist nur von kurzer Dauer und alsbald beginnt das Spiel von neuem. Der Alkoholiker trinkt wieder! Alle Versprechungen sind vergessen. Das Leben der Familie dreht sich permanent um das Thema „Wird er wieder trinken? Was erwartet mich zuhause und er wieder betrunken ist? Wo hat er den Stoff versteckt?“ Eigene Interessen treten in den Hintergrund. Es geht nur noch um das Thema „der Alkoholiker soll aufhören zu trinken, damit es der Familie wieder besser geht“.

Auch die in der Familie lebenden Kinder sind betroffen, selbst wenn die Erwachsenen denken, dass die Kinder nichts mitbekommen. Dies ist leider nicht so. Viele Eltern versuchen, die Problematik vor dem Kind geheim zu halten, um es zu schützen. Kinder bekommen mehr mit von der Not der Familie als man denkt. Kinder können ihre Ängste und Nöte nicht so zum Ausdruck bringen, auf sprachlicher Ebene, wie die Erwachsenen das tun können. Sie leiden still. Kinder können sich keine neuen Eltern suchen, sie sind auf die Liebe und Versorgung der Eltern angewiesen, bis sie selbst stark genug und erwachsen sind, um für sich selbst zu sorgen. In einer solchen Situation sind Kinder oft auf sich allein gestellt. Der Alkoholkranke ist mit sich und seiner Sucht beschäftigt, der Partner so in der Coabhängigkeit verstrickt und darum bemüht, das Familienleben aufrecht zu erhalten, dass keine Zeit und keine Kraft mehr für die Kinder übrig bleibt. Viele Kinder versuchen dann, ihre Eltern (besonders den trinkenden Elternteil) in Schutz zu nehmen und übernehmen häufig Aufgaben im Haushalt und in der Familie, die ihnen altersmäßig nicht zustehen, um das Familiensystem zu entlasten. Häufig ist es auch so, dass sie sich nicht mehr trauen, Freunde mit nachhause zu bringen, um diesen Freunden keinen Einblick in die häuslichen Zustände zu geben. Dadurch isolieren sie sich zusätzlich, um die Familie und das System zu schützen. Sie übernehmen oft Rollen, die in normalen Familien von Erwachsenen ausgefüllt werden, um der Familie zu helfen. Sie sind „kleine Erwachsene“, eine eigene Kindheit findet nicht mehr statt.

Sollte es in Ihrer Familie einen Alkoholkranken geben oder sie die Gefährdung eines Familienmitgliedes bemerken, suchen sie sich rechtzeitig Hilfe, bevor die Krankheit das Familienleben dominiert.

Fachkundige Hilfe findet man bei den Suchtberatungsstellen der Diakonie und der Caritas. Sie können sich an die Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche wenden. Mittlerweile bieten auch zahlreiche Betriebe für ihre Mitarbeiter ein Konzept von Maßnahmen und Hilfsangeboten für suchtkranke Mitarbeiter an, vielfach bestehen auch Betriebsvereinbarungen über den Umgang mit Alkohol im Betrieb und den Umgang mit Alkoholkranken. Wenden Sie sich in diesem Fall an die dafür ausgebildeten Mitarbeiter der Betriebe. Ein weiteres Hilfsangebot stellen die Selbsthilfegruppen der Alkoholkranken dar. Man kann sich z. B. an die Anonymen Alkoholiker, das Blaues Kreuz, die Guttempler, den Kreuzbund und weitere Selbsthilfegruppen wenden.

Bleiben Sie nicht in der Abgeschottetheit der Familie, gehen Sie nach außen, suchen Sie sich aktiv Hilfe.

Margit Kirsch

Dipl.-Psychologin


30.06.2017

„Wann sind wir denn endlich da?“


FZ-Artikel, erschienen am 13.06.2017 (Frau Lisa Krause FZ interviewt Frau Katharina Bauer, Psychologin in der Beratungsstelle für Eltern, Kinder Jugendliche)

Gute Planung, Rituale und flexibel bleiben: So gelingt der Familienurlaub

Ferienzeit ist Urlaubszeit: Eltern wollen Erholung. „Kindern kommt das Adrenalin schon fast aus den Ohren heraus“, sagt Psychologin Katharina Bauer (39) von der Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern in Fulda. Sie gibt Tipps, wie der Familienurlaub entspannter ablaufen kann.

Steht der Urlaub an, erstellen Familien am besten eine Checkliste. Die kann man dann beim Packen abhaken – und nachher noch mal gemeinsam durchgehen. Zwar können Kinder ihren Koffer noch nicht ganz allein packen, die Eltern sollten es aber auch nicht für sie übernehmen. Psychologin Katharina Bauer findet es wichtig, den Nachwuchs – und auch schon die ganz Kleinen – mit einzubeziehen. „Eltern wollen oft schnell fertig werden. Aber sie sollten die Kinder dabei nicht übergehen. Lassen Sie Ihr Kind selbst entscheiden, welches Kuscheltier oder welches Lieblingskleidungsstück mit in den Koffer soll“, sagt Bauer, die selbst Mutter von zwei Kindern (10 und 13) ist. Jugendliche packen ihren Koffer am besten allein. Nur wichtige Dokumente sollten Eltern im Blick haben.

So groß die Vorfreude auf den gemeinsamen Urlaub auch ist, es gilt, die Erwartungen ein wenig herunterzuschrauben – das beugt Reibereien vor. „Bleiben Sie echt. Das heißt: Haben die Kinder keine Lust auf stundenlange Wanderungen, braucht man die auch gar nicht einplanen. Das sorgt nur für Frust und schlechte Stimmung“, so Bauer.

Laut der Expertin könne man schon im Vorfeld überlegen, was jeder gerne machen möchte. „Kinder haben da oft ganz tolle und kreative Ideen“, weiß die 39-jährige. Schön findet sie, wenn man so etwas wie ein Urlaubsritual entwickelt. „Macht die Familie etwa Urlaub in einem Ferienhaus, könnte ein Ritual das Brötchenholen am Morgen sein. Oder alle spielen am Abend zusammen Karten und lassen so den Tag ausklingen. Für Kinder sind das Dinge, die sie immer in Erinnerung behalten werden“.

Wichtig sei, den Urlaub bewusst als Familienzeit wahrzunehmen. „Klar, es gibt immer Dinge, die man im Kopf hat. Das können der Beruf oder Arbeiten am Haus sein. Versuchen Sie, das in den Ferien mal bewusst wegzupacken – der Familie zuliebe“, macht Bauer deutlich. Vater und Mutter könnten die freie Zeit auch dafür nutzen, mal etwas alleine mit einem Kind zu machen, um sich so noch intensiver mit ihm beschäftigen zu können. „Der Papa geht zum Beispiel mit dem Sohn schnorcheln, während die Mutter mit der Tochter Eis essen geht oder durch die Geschäfte schlendert. Am Nachmittag treffen sich dann alle wieder“, empfiehlt die Expertin.

Sind die Kinder schon etwas älter, seien Kompromisse das A und O: „Jugendliche wollen gerne mal etwas alleine machen. Oder einfach nur ausschlafen. Das sollten Eltern respektieren“, rät Bauer. Die Psychologin empfiehlt Eltern außerdem: „Bleiben Sie flexibel, und versuchen Sie, die Dinge – trotz guter Planung – einfach auf sich zukommen zu lassen. Dann wird das automatisch ein toller Familienurlaub.“

 

 

 

 


16.06.2017

Das Wechselmodell


Ein (un-)mögliches Betreuungskonzept für Kinder nach einer Trennung?

Nachdem ein Vater Rechtsbeschwerde eingelegt hatte, entschied der Bundesgerichtshof, dass Familiengerichte zukünftig ein Wechselmodell anordnen dürfen.

Ein „paritätisches Wechselmodell“ liegt vor, wenn die Betreuungsleistung gleich (50:50) aufgeteilt ist. Aber auch, wenn die Betreuung bis zu 10 Prozent vom rechnerischen Mittelwert abweicht, liegt noch ein Wechselmodell vor. Von einem „Residenzmodell“ spricht man, wenn das Kind seinen Lebensmittelpunkt bei einem Elternteil hat und einen regelmäßigen Umgang mit dem anderen (ab 70:30).

Keines der Modelle stellt ein gesetzliches Leitbild dar. Auch die Frage, wie Eltern bei einem Residenzmodell den Umgang ihres Kindes mit dem anderen Elternteil organisieren, bleibt ihnen selbst überlassen. Eltern sind in ihren Entscheidungen einzig an das Wohl ihrer Kinder gebunden.

Die Mehrzahl der von Trennung und Scheidung betroffener Kinder lebt in Deutschland in einem Residenzmodell. Zunehmend entscheiden sich jedoch Eltern für ein paritätisches Wechselmodell. Die Initiative dabei geht oft von den Vätern aus. Es gibt Länder, da legt das Recht die paritätische Betreuung der Kinder als Regelbetreuungsmodell fest (z. B. Belgien seit 2006). In Staaten wie Schweden, Norwegen und Frankreich ist ein paritätisches Wechselmodell verbreitet.

Das Wechselmodell kann gleichsam das beste und das schlechteste Modell für ein Kind sein. Das Betreuungsmodell selbst steht in keinem Zusammenhang mit dem Wohlbefinden eines Kindes. Nicht die Quantität der Kontakte mit einem Elternteil bestimmt sein Wohlbefinden, sondern deren Qualität. Wenn Eltern ihre Konflikte gut miteinander regulieren, ist das Wechselmodell für die betroffenen Kinder ein gutes Modell. Wenn Eltern allerdings häufig streiten, kann das für ein Kind belastender sein, als ein Beziehungsabbruch zu einem Elternteil. Kinder im Säuglingsalter und ältere Kinder/Jugendliche sind eher durch ein Wechselmodell belastet. Pflichtbewusste Kinder, die in der Lage sind, ihre Aufgaben selbständig zu regeln, können von dem Modell profitieren. Das Wechselmodell setzt eine doppelte Ausstattung der Kinder voraus.

Wie kommen Eltern zu einer guten Entscheidung?

Eltern, die sich trennen, sollten sich nicht von vornherein auf ein Betreuungskonzept festlegen. Besser ist es, lösungsoffen miteinander das Gespräch aufzunehmen, ehrlich die Situation der Familie zu analysieren, auszuprobieren und zu sehen, was funktioniert. Jeder Plan kann sich entwickeln und darf verändert werden. Es ist gut, das Kind mit zunehmendem Alter mehr daran zu beteiligen.

Reinhard Baumann

Dipl.-Sozialpädagoge


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