01.08.2016

Schulwechsel – Was braucht ihr Kind?

Nach den Sommerferien steht für viele Kinder der Schulwechsel in eine weiterführende Schule an. Vielleicht haben Sie und Ihr Kind die Atmosphäre in der Grundschule als förderlich und kinderfreundlich erlebt. Schön wäre es, wenn Ihr Kind vom Spiel mit bunten Holzbuchstaben in der ersten Klasse der Grundschule schnurstracks zur feierlichen Überreichung des Abiturzeugnisses durchmarschieren könnte. Für viele Kinder beginnt aber jetzt nach den großen Ferien erst einmal der „Ernst des Lebens“. Erwartungen der weiterführenden Schule hinsichtlich Leistung, Lerntempo, Selbstorganisation und sozialer Kompetenz machen den Kindern ebenso zu schaffen, wie ein meist längerer Schulweg und die Unsicherheiten, die von den noch fremden Klassenkameraden ausgehen.

Eltern machen den Schulerfolg ihrer Kinder manchmal zur eigenen Sache und nehmen die Verantwortung gänzlich in ihre Hände. „Wir müssen heute noch für eine Arbeit lernen!“, „Wir haben eine Drei in Mathematik geschrieben!“, sind Aussagen, die wir in Beratungen manchmal hören. Bis zur Klasse sieben oder acht führt starke Verantwortungsübernahme durch die Eltern oft noch zu schulischem Erfolg. Danach fordert das jugendliche Kind stärker Autonomie ein und wehrt sich gegen Einmischungen. Dort wo Eltern die „Zügel fest in der Hand haben“ lernen und übernehmen Kinder kaum Eigenverantwortung.

Begleiten Sie Ihr Kind in den ersten Monaten auf der weiterführenden Schule intensiv. Es muss sich erst an die Anforderungen seiner neuen Schule gewöhnen. Nach den Weihnachtsferien sollten Sie Ihrem Kind zunehmend mehr Eigenverantwortung zugestehen. Trauen Sie ihm zu, dass es seine Aufgaben ohne Ihre Hilfe bewältigt und sagen Sie ihm auch: „Ich glaube, dass Du das alleine schaffst. Wenn Du Hilfe benötigst, kannst Du mich fragen!“ Bleiben Sie dabei trotzdem gut informiert.

Nach einem anstrengenden Schultag noch viele Stunden mit Hausaufgaben und Lernen zu verbringen, sollte eher Ausnahme sein. Wichtige kindliche Bedürfnisse nach Bewegung, sozialem Lernen, kreativem Tun haben so keine Zeit mehr.

Folgende Hausaufgabendauer als Durchschnitt wird empfohlen:

Klasse 1 + 2                30 Minuten

Klasse 3 + 4                45 Minuten

Klasse 5 + 6                60 Minuten

Klasse 7 + 8                90 Minuten

Klasse 9 + 10              120 Minuten

Wenn Ihr Kind sich beharrlich weigert, diese Zeitdauer mit dem Lernen und den Hausaufgaben auszufüllen, liegt nicht immer „Faulheit“ vor. Es kann auch auf eine Überforderung hinweisen. „Mein Kind könnte, wenn es nur wollte!“, hören wir Eltern oft sagen. Manchmal aber „würde es gerne wollen, wenn es nur könnte“.

Wenn Sie feststellen, dass die Schulschwierigkeiten den familiären Alltag weitestgehend in Beschlag nehmen, wenn alles besorgte Reden scheinbar ins Leere geht, aller Druck, doch fleißiger zu sein und die guten Möglichkeiten zu nutzen, erfolglos bleibt, dann ist es wichtig, mit Lehrern und anderen Fachkräften das Gespräch zu suchen. Ziehen Sie die Reißleine! Suchen Sie nach Entlastungen oder bieten Sie Ihrem Kind die Schulform an, die es mit Freude und Erfolg bewältigen kann! Unser Schul- und Bildungssystem weist Wahlmöglichkeiten auf. So mancher kleine Umweg führt auch zum geplanten Ziel. Wenn Sie möchten, dass Ihr Kind gerne zur Schule geht, passen Sie Ihre Erwartungen an die Möglichkeiten des Kindes an und nicht umgekehrt!

Reinhard Baumann

Dipl.-Sozialpädagoge