02.09.2016

Warum Jugendliche so seltsam sind

Rückendeckung aus der Hirnforschung

Das Klischeebild eines Jugendlichen ist irgendwo auf einer Skala zwischen kopflosem Nervenkitzel und chronischer Übermüdung zu finden. Diese Gegensätze machen die Pubertät für Eltern aufregend und bisweilen rätselhaft. In den letzten Jahren hat die Hirnforschung jedoch neue Einsichten ermöglicht, die so manche Verhaltensweise verständlich und nachvollziehbar werden lassen.

Für die meisten Eltern, die mit pubertierenden Jugendlichen unter einem Dach leben, kommt irgendwann ein Zeitpunkt, ab dem sie ihre Kinder nicht mehr wiederzuerkennen glauben. Gestern noch vernünftig und einsichtig, laufen heute alle noch so wohlmeinenden Argumente ins Leere. Mit einem Mal bestimmen Dinge den Alltag, die ein Erwachsener für völlig nebensächlich halten würde.

Bevor wir an dieser Stelle an unseren Kindern zu zweifeln beginnen, können wir uns über ein wenig Rückendeckung aus der Hirnforschung freuen. Fakt ist: Erwachsene denken anders als Jugendliche. Für einen Erwachsenen steht am Beginn einer Handlung die Frage: Welche Konsequenzen habe ich zu erwarten? Was wäre zum Beispiel die Folge, wenn ich heute Abend feiern gehe, als gäbe es kein Morgen mehr? Nun, neben einer Menge Spaß vermutlich auch gewaltige Kopfschmerzen.

Unsere Erfahrungen helfen uns dabei, diese ein wenig ferner liegende Zukunft lebendig auszumalen und Nutzen und Kosten gegenüberzustellen. Mit zunehmendem Alter erhalten langfristige Kosten ein größeres Gewicht für uns als ein kurzfristiger Spaß. Nun kann man versuchen, diese Einsicht seinem Nachwuchs zu vermitteln und sich dabei darüber wundern, dass dieser zu einer genau entgegengesetzten Einschätzung kommt. Dieser Gegensatz ist ein zuverlässiger Auslöser für Reibungsverluste in der Kommunikation zwischen Eltern und Jugendlichen – daher finde ich die Frage interessant: Wie kommt es überhaupt dazu? Zwei anschauliche und gut nachvollziehbare Begründungen liefert hier die Hirnforschung. Da sich das menschliche Gehirn sozusagen von innen nach außen entwickelt, wird der frontale Kortex zuletzt ausgebildet. Dieser Hirnbereich ist für unterschiedliche mentale Prozesse verantwortlich: Planung und Handlung sowie die daraus resultierenden Konsequenzen, Zielüberwachung, Problemlösen, Kontrolle spontaner Impulse und Handlungshemmung sowie soziale Verantwortung. Die späte Entwicklung des frontalen Kortex kann sich sogar bis über das 20. Lebensjahr hinaus erstrecken und im Alltag der Jugendlichen große Auswirkungen haben. Weil sie aufgrund der Reifung des Gehirns noch nicht in der Lage sind, ihr Ziel zu fokussieren und konsequent daraufhin zu arbeiten, geraten ihre Ziele oft aus dem Blick. Aus dem gleichen Grund können Jugendliche auch ihr Risikoverhalten nicht gut einschätzen. Zusätzlich hat das Risikoverhalten eine Auswirkung auf das direkte Belohnungssystem des Gehirns. Hier wirkt der Botenstoff Dopamin, indem er Gefühle von Zufriedenheit und Anerkennung auslöst. Im Zusammenhang mit unserer Fragestellung steht die Beobachtung jüngerer Untersuchungen, dass im Jugendalter ein Rückgang der Dopaminrezeptoren stattfindet. So werden darüber hinaus Gemütslagen wie Langeweile und Desinteresse bis hin zur Melancholie, die ebenfalls in der Pubertät nicht untypisch sind, erklärbar.

Ebenso wie fehlendes Gespür für Gefahren gehört paradoxerweise auch ein erhöhtes Schlafbedürfnis zu den Schattenseiten des Heranwachsens. Schenkt man der Hirnforschung Glauben, steigt das Schlafbedürfnis mit Beginn der Pubertät tatsächlich an. Zusätzlich wird das Hormon Melatonin, das für die Steuerung des Schlafes zuständig ist, erst zwei Stunden später als bei Erwachsenen ausgeschüttet. Die Folge ist, dass unsere Jugendlichen den Weg ins Bett erst spät in der Nacht finden. In den Morgenstunden bleibt das Melatonin dann auch länger im Körper – mit den für Eltern bekannten Folgen. Kurz: Es entspricht einfach nicht dem Biorhythmus Heranwachsender, früh aufzustehen und Leistung zu erbringen. Das erhöhte Schlafbedürfnis und der besondere Einschlafrhythmus führen leicht zu ständigem Schlafmangel mit den typischen Auswirkungen auf Lernverhalten und Wohlbefinden und können sogar ein anhaltendes Gefühl der Traurigkeit hervorrufen.

Die persönlichen Grenzen überwinden gehört zu den wichtigen Aufgaben in der Jugend. Denn durch ihre Entdeckerfreude kehren die Jugendlichen nicht nur allmählich der heimischen Nestwärme den Rücken zu und lösen sich langsam ab, sondern erweitern durch neu gemachte Erfahrungen Wissen und Kompetenz. Nichtsdestotrotz tun Eltern gut daran, auf Risiken hinzuweisen und einzuschreiten, wenn das innere Stopp-Schild fehlt. Wie können Eltern also mit dem Verhalten ihrer Kinder umgehen? Nehmen Sie sich für ihre jugendlichen Kinder Zeit. Zeit, die regelmäßig besteht und in der eine spürbare und liebevolle Gegenwart entsteht. Die Jugendlichen dürfen, müssen aber nicht dieses Gespräch ergreifen. Es geht darum, die Bereitschaft zum Gespräch zu signalisieren. Hören Sie ihren Kindern zu, egal um welche Themen es geht und haben Sie Verständnis. Geben Sie ihren Kindern Raum und erkennen Sie an, dass sie zu Jugendlichen werden. Und treffen sie mit ihnen Absprachen und Vereinbarungen, die sie zu Eigenständigkeit und Verantwortlichkeit bewegen, aber zeigen Sie auch Grenzen auf. Teenager ohne Grenzen wären  überfordert. Ihre Jugendlichen brauchen ihre Unterstützung, um Orientierung zu finden  und Risiken realistisch einzuschätzen. Handeln Sie nach dem Motto: Anleitung wo nötig, aber so wenig wie möglich. Die Pubertät ist ein Balanceakt, ein ständiges Abwägen des Zuviel oder Zuwenig. Während der eine Ermutigung braucht, um die eigenen Möglichkeiten und Grenzen zu erkunden, braucht der andere ein erwachsenes Korrektiv – Grenzen, bis die eigene Impulskontrolle verlässlich funktioniert. Bleiben Sie als Eltern authentisch und bringen Sie die Bereitschaft mit, sich selbst in Frage zu stellen oder auch stellen zu lassen. Und machen Sie ihren Jugendlichen deutlich, dass es erstrebenswert und schön ist erwachsen zu werden.

Marzena Kowalski-Zimmer

Diplom-Sozialpädagogin